Interview mit Wotan Wilke Möhring

Inhalt: Jakob (Jonas Nay) ist ein verschlossener, sensibler 15-Jähriger mitten in den Wirren der Pubertät. Er filmt alles mit seiner Videokamera, was ihn gerade bewegt, und liebt ungewöhnliche Fotos. Seine Eltern Claas (Wotan Wilke Möhring) und Irina (Nicole Marischka) wissen wenig von ihm,zu sehr sind sie mit sich selbst beschäftigt. Sie stecken in einer Ehekrise – beinahe täglich wird Jakob Zeuge eines Streits.Als Jakobs Mutter ihm eröffnet, dass sie sich von Claas trennen und ausziehen wird, zieht er sich noch mehr in sich zurück.

Auch in der Schule bekommt Jakob Probleme, doch eigentlich ist ihm das alles egal, denn er hat nur Augen für Hannah (Sophia Boehme), in die er verliebt ist. Als er gerade beginnt, ihr näher zu kommen, gerät ein selbst gedrehtes, kompromittierendes Video von Jakob in die Hände seiner Mitschüler. Noch bevor Jakob es sich zurückholen kann, stellt es ein Mitschüler ins Internet – in kürzester Zeit verbreitet sich das Video in der ganzen Schule.

 

„Homevideo“ ist der erste Fernsehfilmüber Internet-Mobbing. Inwiefern hat diese Geschichte Sie überzeugt?

Erst einmal fand ich den Ansatz hochinteressant, Internet-Mobbing mit einer sich auflösenden Familie zusammenzubringen. Dann hat mich natürlich die Vater-Sohn-Ebene besonders interessiert. Überhaupt fand ich es toll, dass sich jemand an so einen mutigen und aktuellen Stoff herantraut und ihn auch konsequent umsetzt.Da war ich sofort dabei. Der Film zeigt eindringlich,welchen Gefahren Jugendliche bei der Kommunikation über Social Media dabei ausgesetzt sind.

Wie ist Ihr Verhältnis zu sozialen Netzwerken und dem Internet?


Ich hab das, was man so hat. Es ist ja heute üblich, eine Website zu haben, die einem mal jemand eingerichtet hat. Aber ansonsten ist das für mich kein großes Thema. Ich bin eher verwundert, dass Leute, die einem früher E-Mails geschrieben haben, sich jetzt nur noch über Facebook melden. Ich kann persönlich auch nicht nachvollziehen, wie andere so viel Privates im Internet von sich preisgeben können. Nicht die Tatsache, dass es diese Netzwerke und Plattformen gibt, ist bedenklich, sondern dass die Leute so vieles da reinstellen. Alle diese Phänomene sind heute nicht mehr wegzudenken, aber man sollte im Umgang damit vorsichtig sein. Da ist viel Eigenverantwortlichkeit gefragt.

Sie spielen den Vater des Protagonisten in „Homevideo“. Er berührt einen seltsam,weil er zwar Stärke suggeriert, aber dennoch oft hilflos wirkt.Wie sehen Sie die Figur?

Claas Moormann ist ein traditioneller Familienvater, einer, der alles gut und richtig machen will. In Wirklichkeit macht er viel falsch, ohne es zu merken. Er nimmt die Feinheiten häufig nicht wahr,meint aber, dass er alles richtig macht. Ich glaube, das ist auch das Berührende an dieser Figur: Claas meint es immer gut, auch wenn er sich falsch verhält. Er ist auch deshalb Polizist geworden, weil er alles richtig machen will. Privat möchte er das ebenfalls, aber die Situation entgleitet ihm, ohne dass er versteht warum.Dieser Vater ist nicht unbedingt schlichten Gemüts, aber er ist überfordert. Die ganzen Probleme um ihn herum wachsen ihm über den Kopf. Dass die Moormanns glückliche Zeiten erlebt haben, sehen wir nur in einer kurzen Sequenz auf Jakobs Videokamera. Zu Beginn des Films streiten die Eltern lautstark, dann wird es immer stiller und leerer im Haus.

Woran scheitern die Moormanns Ihrer Meinung nach?

Zum einen daran, dass sie sich als Partner für selbstverständlich nehmen und nicht mehr auf ihre Beziehung achten.Claas betrachtet sich nicht mehr als Teil eines Projekts, einer Entwicklung. Er ist für sich am Ziel angekommen, seit er Frau und Kinder hat, und denkt, dass jetzt alles so bleibt, wie es ist. Seiner Frau reicht das nicht, aber ihm schon.Deshalb versteht er auch nicht, was ihr Problem ist. Er denkt: Was ist bloß los?
Wir haben doch alles. Zum anderen ist „Homevideo“ ein Film über die Unfähigkeit zu kommunizieren; die Figuren hören sich gegenseitig nicht mehr zu.Trotz sozialer Netzwerke oder vielleicht gerade deshalb. Es ist ja nicht so, dass dadurch unsere Kommunikationsfähigkeit zunimmt. Bei den Moormanns wird immer weniger geredet und vor allem immer weniger zugehört. Claas ist seinem Sohn durchaus zugewandt. Er sucht die Nähe zu ihm, tut das aber, anders als die Mutter, eher auf eine kumpelhafte Art.

Wie würden Sie seinen Erziehungsstil und sein Selbstverständnis als Vater beschreiben?

Er hat ein sehr traditionelles Rollenverständnis von sich als Vater. Er ist eine alte Seele und verfügt nur über die Mittel zur Problemlösung, die er selbst auch erfahren hat in seiner Erziehung –was aber nicht reicht. Er ist durchaus besorgt und kümmert sich, aber weil seine Ansätze der Situation nicht gerecht werden, kann er bei allem guten Willen nichts ausrichten. Das hat durchaus was Tragisches.

Als Jakob die größte Demütigung seines Lebens erfährt, geht der Vater ganz pragmatisch an das Problem heran. Ein bisschen wirkt das so, als wollte er mit seinem Aktionismus die Peinlichkeit der Situation überspielen …


Claas ist ein Anpacker; er redet nicht viel, sondern er macht. Das ist eigentlich auch gut so, das wünscht man sich häufig. Dieser Vater schießt allerdings übers Ziel hinaus und missbraucht sogar seine Position als Polizist. Aber immerhin, er versucht zu helfen. Es gibt nur eine Szene, wo das aufbricht. Weil er nicht richtig weiß,was eigentlich los ist, und fürchtet, Jakob hätte etwas Unanständiges getan, fährt er aus der Haut und schreit ihn in seinem Zimmer an. Es ist für ihn eine erschreckende Vorstellung, dass mit dem Jungen irgendetwas nicht stimmen könnte. Damit kann er nicht umgehen. Er glaubt, da ist was Perverses im Spiel, das er von sich fernhalten will. Er will an seinem Sohn nichts entdecken, womit er
nicht umgehen kann und was ihm als Polizist womöglich verdächtig vorkommen muss. Deshalb möchte er einfach nur, dass alles wieder so ist wie in der Zeit, als es all die Probleme noch nicht gab.Statt weiter nach zu bohren und nach zu fühlen, klammert er sich daran, dass es irgendwann wieder so sein wird wie früher. Sein Verhalten hat insofern etwas Naives, Kindliches.

Im Haushalt befindet sich eine Pistole, zu der Jakob offenbar Zugang hat.Handelt der Vater hier fahrlässig?


Auch als Polizist hat man nicht zwangsläufig eine Waffe zu Hause rumliegen.Polizisten lassen ihre Waffe normalerweise auf der Wache,wenn sie Dienstschluss haben. Aber natürlich hat Claas einen Waffenschein und offenbar auch eine eigene Pistole zu Hause im Safe liegen. Vielleicht ist es so, dass er dem Jungen irgendwann gesagt hat,wie der Code ist, für den Fall, dass es mal das Haus zu verteidigen gilt oder so was. Ich glaube nicht,dass es eine Fahrlässigkeit ist, sondern eher eine gut gemeinte Weitergabe von Information. Claas hat für sich niemals in Erwägung gezogen, dass sein Sohn diese Waffe tatsächlich mal benutzen könnte.Was wiederum zeigt, wie wenig er von seinem Sohn und dessen Problemen versteht.

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