Interview mit Wilfried Klaus und Gerd Silberbauer

Was war Hauptkommissar Horst Schickl, den Sie einst spielten, für ein Ermittler und Mensch?
Wilfried Klaus: Lieber Gerd, erst einmal ganz herzlichen Glückwunsch zu Deinen ersten fünf SOKO-Jahren. Ich weiß, was Du da geleistet hast. Großes Kompliment und Gratulation! Dein Vorgänger Horst Schickl war ein sehr genauer, sehr gewissenhafter Ermittler. Er war sicherlich ein Beamtentyp, konnte aber auch sehr streng sein, wenn die Vorschriften überschritten wurden. Als Mensch war ihm sein Team immer extrem wichtig. Es war eine richtige kleine Familie mit vielen Nöten und Sorgen, aber mit einem ganz freundschaftlichen Zusammenhalt und auch mit sehr viel Humor.

Was ist Arthur Bauer für ein Typ und wodurch unterscheidet er sich von Horst Schickl?

Gerd Silberbauer: Der Bauer ist halt eher eine Kante. Er ist gradlinig, ein Gerechtigkeitsfanatiker. Er legt sich auch gern mal mit der Obrigkeit an und versucht, sich auch immer in die Seele des Täters hineinzudenken. Er ist zwar der Chef, aber eher der "Primus inter Pares", der Erste unter Gleichen. Er fühlt sich, ähnlich wie Horst Schickl, eher als Teamarbeiter, und er lässt seine Leute auch mal an der langen Leine. Manchmal geht ihm natürlich auch ein bisschen der Gaul durch. Den Unterschied zu Horst Schickl kann man so auf den Punkt bringen: Schickl liebt Wagner, und der Arthur Bauer liebt eher Jazz und Rock’n’Roll.

Herr Klaus, Sie waren 30 Jahre lang das "Gesicht" der SOKO 5113. Hätten Sie es, als Sie anfingen, für möglich gehalten, dass die Serie Sie so viele Jahre begleiten wird?

Wilfried Klaus: Nein, das hat niemand gedacht. Das hat auch der Sender nicht gedacht. Am Anfang haben wir sechs Folgen gedreht. Es waren damals noch 25-Minüter, kürzere Folgen als heute, und produziert wurde im ZDF-Studio. Nachdem die Folgen abgedreht waren, wurde die Bürodekoration einfach entsorgt. Dann kam die Erstsendung 1978, und es war ein Riesenerfolg: Zwischen acht und zehn Millionen Zuschauern. Aber man muss berücksichtigen, dass es damals ja noch keine Privatsender gab. Nach diesem Erfolg wurde 1979 natürlich weitergedreht, 13 Folgen. Als die fertig waren, ist die zweite Bürodekoration wieder auf dem Müll gelandet. Alle waren davon überzeugt, dass das Thema jetzt erschöpft ist. Doch als die zweite Staffel auf Sendung ging, war der Erfolg wieder so groß. Erst von da an hatte man sich entschlossen, die Bürodekoration im Hinblick auf die Zukunft zu erhalten. Sie bestand ja dann auch noch über 15 Jahre und war praktisch unser zweites Zuhause.

Herr Silberbauer, wie wichtig war es Ihnen, dass sich Ihre Figur von Ihrem Vorgänger unterscheidet?

Gerd Silberbauer: Allein durch die Besetzung entstehen natürlich völlige Verschiedenartigkeiten. Ich habe versucht, eine eigenständige Figur zur erschaffen. Das war nicht einfach, da Schickl eine wahnsinnig erfolgreiche und sehr gute Figur war. Man darf in dieser Situation keine Angst haben, sonst geht man natürlich unter. Ich wollte sie einfach sehr menschlich machen, die Darstellung dieses neuen Chefs. In erster Linie hat es mich aber sehr stolz gemacht, dass ich diesen Part übernehmen durfte, und ich bin mit sehr viel Freude an die Arbeit gegangen, was auch heute immer noch der Fall ist.

Herr Klaus, was gefällt Ihnen an der heutigen SOKO 5113 besonders gut? Was war früher anders?
Wilfried Klaus: In erster Linie hat sich das äußere Erscheinungsbild geändert. Es ist sehr viel moderner, schneller geschnitten, mehr Tempo drin als früher, das ist natürlich notwendig und zeitgemäß. Früher waren von der Erzählweise der Geschichten mehr Privatleben und auch mehr humorige Szenen innerhalb des Teams eingebaut.

Was waren ihre prägendsten Erlebnisse beim Dreh? Gibt es Szenen, Anekdoten oder prominente Gäste, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

Wilfried Klaus: Es kamen von Beginn an so viele Prominente zum Dreh, die ich noch vor der Schauspielschule im Kino bewundert habe: Christine Kaufmann oder Johanna von Koczian, Heinz Drache, Horst Frank, die waren ja alle da. Und während meiner 30 Jahre, was es da für tolle Gäste gab: Iris Berben, Hannelore Elsner, Ottfried Fischer, Lambert Hamel – die Liste ist so lang. Außerdem war es sehr schön, dass man viele ganz junge Kollegen kennengelernt hat, die bei der SOKO ihre ersten Sporen verdient haben, zum Beispiel Christine Neubauer, Michael Roll und später Bernadette Heerwagen, Valerie Niehaus oder auch Florian David Fitz. Unbedingt zu erwähnen ist auch die Zusammenarbeit mit diesem wunderbaren Team, das sich ja auch immer wieder verändert hat, über diese lange, lange Zeit: mit Werner Kreindl, Diether Krebs. Auch da gibt es so viele Namen, die man noch nennen müsste.
Es gibt eine schöne Anekdote, an die ich mich erinnere. Wir hatten in Nizza gedreht mit Ivan Desny, den ich als Jugendlicher schon im Kino bewundert habe. Er spielte einen Gangsterboss und saß in seinem Rolls-Royce, es war unendlich heiß und noch früh am Morgen. Ivan Desny drehte seine Scheibe runter und sagt zum Aufnahmeleiter in seinem unnachahmlichen Akzent: "Bringen Sie mir bitte etwas zu trinken". Und der Aufnahmeleiter sagte: "Selbstverständlich, ich bringe ihnen ein Mineralwasser". Sagt der Desny: "Moment, wollen Sie mich beleidigen? Ich möchte ein Glas Weißwein, und zwar kalt".
Gerd Silberbauer: Das Tolle an der SOKO ist wirklich, dass wir teilweise ganz wunderbare Schauspieler am Set haben. Nicht nur Fernsehschauspieler, sondern auch viele vom Theater, das finde ich großartig. Wir haben ja bei der SOKO inhaltlich verschiedene Formate, zum Beispiel die Kammerspiele, das sind ja eher so die leisen Sachen. Wenn man mit so tollen Schauspielern zusammenarbeitet, oft in einem Zweierspiel, ist es einfach nur schön. Michael Mendl, Alexander Held, Johanna Gastdorf, Dirk Martens, die Liste ist sehr lang, und die Zusammenarbeit macht einfach nur Spaß. Ansonsten sind mir zwei Ereignisse im Gedächtnis geblieben, die in den ersten Folgen passieren. Einmal haben wir die falsche Tür gestürmt. Wir sollten eine Wohnung stürmen, kommen in dieses Haus rein, schreien "Polizei, aufmachen, öffnen Sie die Tür", das ganze Prozedere. Die Wohnung sollte eigentlich gar nicht besetzt sein. Da öffnet auf einmal ein völlig verängstigter Student, zittert und fragt, was wir von ihm wollen. Der Arme war kurz vor einem Herzanfall. Ein anderes Mal haben wir mit der SEK eine Wohnung gestürmt. Sie kommen dann immer mit Spezialwerkzeug, um die Tür aufzustemmen. Die Tür sollte für den Dreh natürlich offen sein, doch ein Teammitglied hatte sie kurz vorher geschlossen. Unsere Jungs von der SEK rennen für die Kamera los, merken, dass die Tür zu ist und machen sich unbeirrt an ihre Arbeit. Die haben die Tür richtig zerlegt.

Wie haben sich die Drehbücher im Vergleich zu früher verändert?
Die Drehbücher sind komplexer geworden, schneller, härter. Das liegt natürlich auch an der filmischen Umsetzung, und es entspricht der Zeit. Das ist ein Unterschied zu früher. Klar tut es mir auch ein bisschen leid, dass der Fokus, der früher mehr auf den privaten Personen lag, bei uns nicht mehr so zentral, sondern mehr am Rande stattfindet.

Wie hat sich die Polizeiarbeit in der Serie seit 1978 verändert?
Gerd Silberbauer: Die Polizeiarbeit hat sich natürlich total verändert, denn die moderne Technik hat Einzug gehalten. Ich kann es an zwei Beispielen ausmachen: Wir lösen ja oft unsere Fälle über die DNAAnalyse oder über die Handy-Ortung. Früher hatten Akten oder Faxe mehr Bedeutung, heute geht alles über Computer und ist natürlich sehr viel schneller.
Wilfried Klaus: Da muss ich mich anschließen. SOKO 5113 beruht ja auf dem Buch von Kriminalrat Dieter Schenk. Es ist entstanden, weil sich Dieter Schenk als Kenner des Polizeidienstes über die Serien im Fernsehen geärgert hat. Er wollte darstellen, wie die Polizeiarbeit tatsächlich aussieht – das war die ursprüngliche Idee von SOKO 5113. Er wollte zeigen, was auch an Problemen entsteht für die Beamten im Dienst und wie es mit ihrem Privatleben ausschaut. Es war damals natürlich vollkommen neu im Fernsehen, so wirklichkeitsgetreu über die Polizeiarbeit zu berichten. Das war der Beginn des ungewöhnlichen Serienerfolgs.

Was macht die Serie in Ihren Augen über so viele Jahre so erfolgreich?

Gerd Silberbauer: Es sind sehr gute Bücher, es sind gute Darsteller, wenig Schnick-Schnack – einfach eine hochspannende Krimi-Unterhaltung, die seriös gemacht ist. Die Zuschauer sehen auch, dass wir im Team, was ja auch schon bei Wilfried Klaus der Fall war, gemeinsam etwas lösen und dass wir uns privat sehr mögen. Diese Gemeinschaft kommt bei den Zuschauern gut an.
Wilfried Klaus: Da stimme ich zu. Am Anfang war diese Realitätsnähe ein Erfolgsgarant. Wir waren die Ersten im deutschen Fernsehen, die eine Pistole als Polizist mit zwei Händen gehalten haben. Vorher haben alle immer wie die Cowboys geschossen. Es hat die Zuschauer einfach fasziniert, wie es wirklich funktioniert. Und es war die ganze Situation mit unserem Team. Zu mir hat ein Taxifahrer mal was Schönes gesagt, er drehte sich um und meinte: "Ich kenne Sie schon. Wissen Sie, warum Sie so einen Erfolg haben? Weil’s menschelt bei Euch." Man kann es nicht schöner ausdrücken, dass neben dem harten Kriminalfall immer Herz und Humor als Ausgleich dagegen stehen.

Was wünschen Sie SOKO 5113 für die nächsten 35 Jahre?
Gerd Silberbauer: Eine 100-prozentige Aufklärungsquote!
Wilfried Klaus: Viel Erfolg für das ZDF und nochmal 35 Jahre!


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