Interview mit Roland Suso Richter

ufa.de: Herr Richter, wie gestaltete sich die Drehbuchentwicklung?

Roland Suso Richter:
Es war eine lange und aufwändige Reise bis zum endgültigen Drehbuch, sollte doch der Film nicht nur seinen ganz eigenen Rhythmus haben, sondern auch Sabine Kueglers Geschichte, bei allen notwendigen Änderungen, treu bleiben. Auf keinen Fall aber wollte ich einen Film mit der üblichen Standard-Dramaturgie machen, bei der der Dschungel nur am Rande als wunderschöne, exotische Kulisse dient. Für mich war entscheidend, das Fremdartige, das Andere, sogar mitunter Brutale des Dschungellebens einzufangen - diese Momente, wenn man die Welt nicht mehr versteht. Schon beim Lesen des Buches schwebten mir bestimmte Momente und Bilder im Kopf – und bei der Drehbuchentwicklung ging es dann darum, ein Destillat dieser Momente herzustellen.

Dschungelkind UFA Cinema

ufa.de: Gedreht wurde statt in Papua-Neuguinea in Malaysia – wie kam es zu dieser Entscheidung?

Roland Suso Richter: Wir haben natürlich zuerst in Papua-Neuguinea nach einem geeigneten Drehort gesucht und auch viele Plätze, die schön waren, entdeckt. Sie waren aber alle unmöglich mit einem Filmteam zu erreichen. Wir haben auch in Australien gesucht, wo allerdings vom Urwald nur noch einzelne fußballfeldgroße Flächen übrig sind. Schließlich haben wir im Nationalpark Taman Negara in Malaysia einen perfekten Drehort gefunden, von dem ich sofort gespürt habe, dass er der Richtige ist. Ein nicht unwesentlicher Aspekt bei der Entscheidung war auch, dass auf Papua Krankheiten, wie Malaria noch eine größere Rolle als in Malaysia spielen. Auch gibt es in Malaysia keine Krokodile. In Papua schon. Wir hätten dort keine Wasserszenen drehen können.

ufa.de: Was für eine Erfahrung war es, mit einem so großen Filmteam annähernd drei Monate im Dschungel von Taman Negara zu drehen?

Roland Suso Richter: In erster Linie war das eine sehr intensive Erfahrung. Es begann schon bei der ersten Reise dorthin, als wir die dortigen Urbewohner, die Orang Aslis, besuchten. Sieben Stunden sind wir mit dem Boot durch den Dschungel gefahren, bis wir an den Ort kamen, wo sie ihr Lager aufgeschlagen hatten. Es war ein Erlebnis wie später im Film, wenn die Familie zum ersten Mal den Fayu begegnet: Man sah zunächst nur Gesichter zwischen den Bäumen, und nach und nach kamen die Ersten hervor - mit fragenden Blicken, als wollten sie sagen: Was macht ihr hier? Und alles ohne geringste Feindseligkeit – man schaut sich an, und dann geht jeder seiner Wege.

ufa.de: Wie schwierig ist es, die Atmosphäre des Lebens im Urwald in Kinobildern einzufangen?

Roland Suso Richter: Ich hatte durchaus Sorge, dass der Dschungel mit der Zeit eintönig wirken könnte. Aber er wirkte überhaupt nicht so, und das lag nicht zuletzt an unserem Hauptdrehort mit seiner malerischen Lage an einer Flussbiegung und einer Anhöhe. Außerdem: So viel wilde Natur auch zu sehen ist, der Film ist doch vor allem personenbezogen.

ufa.de: Wie empfanden ihre Darsteller diese fremde Welt?

Roland Suso Richter: Jeder auf seine spezielle Art und Weise. Zu Beginn gab es schon gewisse Ängste und Befürchtungen. Man hat ja so seine Vorstellungen vom Leben im Dschungel und auch seine Vorurteile und stellt dann fest, dass die Wirklichkeit eine ganz andere ist. Am Ende waren alle beseelt und glücklich, dass sie dabei gewesen sind. Übrigens sind die Kinder am lockersten von allen mit der Situation umgegangen.

ufa.de: Die Aufgabe, die Figur der Sabine lebendig und glaubwürdig zu machen, lag ja bei Ihren Hauptdarstellerinnen Sina Tkotsch und Stella Kunkat…

Roland Suso Richter: Das stimmt, und sie haben es, so unterschiedlich sie sind, großartig hinbekommen. Dabei hatte Sina es besonders schwer: sie hat ja nur 15 Sätze im ganzen Film. Umso wichtiger war es, eine Darstellerin zu finden, die nicht nur von den Augen und vom Look her passte, sondern die auch eine starke Ausstrahlung hatte. Und diese hat Sina im Übermaß. Stella Kunkat, die die jüngere Sabine spielt, ist ein absolutes Naturtalent. Sie hat das große Pensum dieser Rolle mit einer grandiosen Unbefangenheit gemeistert.

ufa.de: Als Sie im Vorfeld des Drehs Sabine Kuegler persönlich kennen gelernt haben, was war Ihr erster Eindruck?

Roland Suso Richter: Wenn man Sabine Kuegler gegenübersteht, strahlt sie etwas ganz Besonderes aus. Sie hat eine starke physische Präsenz. Sie ist eine faszinierende Person, und sicher auch sehr verletzlich. Das beeindruckt.

ufa.de: Der Schlusssatz „Ich habe erkannt, dass ich in meinem Herzen immer ein Dschungelkind bleiben werde“ drückt also eine Wahrheit aus, die nicht nur auf den Film zutrifft?

Roland Suso Richter: Das Schlusswort kommt von Sabine Kuegler. Sie hat es extra für den Film geschrieben. Sätze wie diese lassen sich nur schwer in eine filmische Form bringen, ohne gleich melodramatisch zu klingen. Aber so, wie wir es gelöst haben, trifft dieser wunderbar direkte Satz einfach mitten ins Herz.

ufa.de: Und er stellt auch für Sie die Botschaft des Films dar?

Roland Suso Richter: Für mich war es essentiell, dass Dschungelkind ein emotionaler Film wird, damit der Zuschauer die Möglichkeit hat, in diese fremde Welt einzutauchen. Natürlich regt die Geschichte auch zum Nachdenken an, z.B., ob unsere Sicht auf das Leben die einzig Richtige ist oder ob nicht wir es sind, die etwas lernen können von den Ureinwohnern. Im Vordergrund aber steht die Emotionalität und deswegen ist es für mich auch nicht so wesentlich, dass wir in manchen Punkten vom Buch abgewichen sind. Als Filmemacher geht es mir darum, zu zeigen, was wahr ist, auch wenn der Weg dahin über die Erfindung führt.

ufa.de: Wie fanden sich die Fayu-Darsteller bei den Dreharbeiten zurecht?

Roland Suso Richter: Dazu muss ich vorwegschicken: Nach längerem Ringen haben wir uns entschieden, die Darsteller aus Papua zu holen. Der Producer Matthias Adler und der Regieassistent Sven Fehrensen sind nach Papua geflogen und haben in den größeren Städten Casting-Aufrufe gestartet. Viele haben sich gemeldet, und einige hatten bereits als Mitglieder von Tanzgruppen eine gewisse Vorstellung davon, aufzutreten bzw. eine Rolle zu spielen. Das hat geholfen. Dazu kommt, dass, obwohl sie ja alle in einer Art von Zivilisation leben und auch z. B. Handys besitzen, alles noch relativ neu ist. Die so genannte Zivilisation hat in Papua erst vor etwa hundert Jahren Einzug gehalten hat. Das war für uns ein Glück, denn die meisten waren in ihrer Lebenswirklichkeit und ihren Erinnerungen von der ursprünglichen Lebensweise nicht weit entfernt. Das trifft insbesondere auf die Älteren zu, die in ihrer Jugend noch so lebten, wie wir das im Film darstellen.

 
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  • Produktion: Dschungelkind
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