Interview mit Regisseurin Julia von Heinz

Julia von Heinz wurde 1976 in Berlin geboren. Sie absolvierte zunächst eine Ausbildung zur Kamerafrau, bevor sie zur Regie wechselte. Zwischen 2001 und 2003 führte sie Regie bei drei Kurzfilmen, die allesamt preisgekrönt wurden. Anschließend arbeitete sie als künstlerische Mitarbeiterin von Rosa von Praunheim an der HFF Potsdam Babelsberg im Fach Spielfilmregie. Im Jahr 2007 legte sie mit „Was am Ende zählt“ ihr vielbeachtetes Spielfilmdebüt vor, darin griff sie noch einmal die Geschichte ihres ausgezeichneten Kurzfilms „Lucie & Vera“ auf. „Was am Ende zählt“ feierte seine Weltpremiere bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin, 2009 erhielt der Film den Deutschen Filmpreis in der Kategorie „Bester Kinder- und Jugendfilm“. Im Herbst 2008 lief ihr erster Dokumentarfilm bei den Hofer Filmtagen: In „Standesgemäß“ porträtiert Julia von Heinz drei adelige Singlefrauen zwischen traditionellem Anspruch und Alltag, zwischen Standesdünkel und Sehnsucht nach Liebe. Der Film sorgte für Aufsehen und wurde 2009 bei der Verleihung des Bayerischen Fernsehpreises mit dem „Nachwuchsförderpreis LfA Förderbank Bayern“ ausgezeichnet. Mit HANNI UND NANNI 2 legt die Mutter von drei Kindern ihre zweite Spielfilmregie vor.

Frau von Heinz, Sie sind neu an Bord. Wie kamen Sie denn zu HANNI & NANNI 2?
 
Das ging erstaunlich schnell: Ich wurde an einem Donnerstagabend angerufen, ob ich Freitag für ein Director’s Casting in Berlin sein könnte. Die Produzentin Gesa Tönnesen hatte meinen Film „Was am Ende zählt“ gesehen, mit dem ich 2009 den Deutschen Filmpreis für den besten Kinder- und Jugendfilm gewonnen habe und hat mich daraufhin für die Regie von HANNI & NANNI 2 vorgeschlagen. Ich flog am nächsten Morgen hin, führte ein Gespräch mit allen Beteiligten des Films und hatte eine Stunde später die Zusage! Das war im Mai, danach ging es auch gleich los.

Wie liefen denn die Vorbereitungen?

 
Sehr gut! Da wir recht wenig Zeit im Vorfeld hatten, haben wir uns sehr genau vorbereitet. Der fertige Film war schon komplett in meinem Kopf, als wir angefangen haben zu drehen. Ich hatte auf jedem Posten fantastische Mitarbeiter und konnte mich ab Drehbeginn ganz auf die Arbeit mit den Schauspielern konzentrieren. Sehr wichtig war im Vorfeld der Workshop mit den Kindern, bei dem wir ausgiebig proben konnten. Eine große Hilfe war mir während der ganzen Zeit Gudrun Bahrmann, die als Kindercoach schon beim ersten Teil dabei war. Sie kennt die Kinder sehr gut, probte mit ihnen und sprach am Vortag noch einmal alle Szenen durch. Dadurch ergab sich erheblich mehr Zeit.
 
Wie ist denn die Arbeit mit Jana und Sophia Münster?
 
Sie haben noch einmal einen Riesenschritt nach vorne gemacht. Das sind ganz ernstzunehmende Schauspielerinnen geworden. Ein paar Tage vor Drehbeginn habe ich die beiden umbesetzt: Jana spielte dann Hanni und Sophia die Nanni. Nach dem Workshop habe ich gemerkt, dass das einfach besser passt.
 
Wie haben die Mädchen darauf reagiert?
 
Erst einmal waren sie überrascht, sie haben sich aber schnell auf ihre neuen Rollen eingestellt. Hanni ist ja nach wie vor eher die Forsche, die zur Anführerin der Gruppe wird und sich sogar mit Gangstern anlegt. Das hat Jana ganz wunderbar gemacht. Und dann gibt es noch die Rolle der Nanni, die etwas melancholischer, aber auch erwachsener ist als ihre Schwester. Sie sieht den Konflikt zwischen ihren Eltern viel früher als Hanni und macht sich auch mehr Sorgen. Das habe ich mehr in Sophia gesehen, sie trägt jetzt den emotionalen Strang des Films.
 
Die beiden sehen sich unglaublich ähnlich. Können Sie sie überhaupt auseinanderhalten?
 
Naja, nicht immer. Zweimal habe ich sie auch verwechselt: Und zwar morgens beim Frühstück, als ich noch müde durchs Hotel getapst bin. Da kam mir dann die eine entgegen – und ich habe sie mit dem Namen der anderen begrüßt. Aber trotz aller Ähnlichkeit: Jana und Sophia sind ganz eigenständige Charaktere, die sich auch stark voneinander unterscheiden.

Waren Sie als Kind eigentlich auch „Hanni und Nanni“-Fan?

 
Ja! Ich habe sowohl alle „Dolly“- als auch die „Hanni und Nanni“-Bücher gelesen. Meine Schwester und ich hatten auch unsere Enyd-Blyton-Phase, wir haben die alten Bände unserer Mutter gelesen. Wie viele andere Mädchen auch wollte ich damals unbedingt in ein Internat.
 
Die Mädchen sind nun schon etwas älter. Spiegelt sich das auch in der Story?
 
Auf jeden Fall. Das sieht man beispielsweise an den Eheproblemen der Eltern, die Nanni stark mitnehmen. Sie ist alleine damit, denn Hanni versucht zunächst, den Konflikt zu ignorieren. Darüber streiten die Zwillinge dann auch.
 
Es gibt also stärkere Konflikte zwischen Hanni und Nanni?
 
Ja. Wir haben diesen „erwachsenen“ Erzählstrang, in dem Hanni letztendlich eingestehen muss, dass sie Unrecht hatte. Wir gleichen das aber aus, indem der andere Strang umso verrückter und lustiger ist. Wir haben ja nicht nur die Gangster, mit denen die Zuschauer viel Spaß haben werden, sondern auch die Schafe und eine Ladung Hühner, die falsch angeliefert werden und überall herumflattern. Es herrscht das reinste Chaos in Lindenhof! Neben den ernsten Tönen ist also für jede Menge Spaß und Tempo gesorgt.
 
Sie erzählen eine sehr moderne Geschichte. Wie nahe ist das noch dran an den Vorlagen von Enid Blyton?
 
Den Scheidungskonflikt haben wir neu hineingebracht, das gab es in der Form vermutlich zu Enid Blytons Zeiten noch gar nicht. Dieser Aspekt war uns aber sehr wichtig, da er heute so viele Kinder betrifft.
 
Was haben Sie denn sonst noch modernisiert?
 
Diese Moralvorstellungen, dass Mädchen vor allem brav zu sein haben! Das will heute kein Mädchen mehr hören. Unsere Message lautet: Wir pfeifen aufs Bravsein! Erst wenn wir nicht mehr brav sind, können wir was erreichen.
 
Werden die Zuschauer ihre Heldinnen aus den Büchern wiedererkennen?
 
Aber natürlich! Allein schon durch Lindenhof, die Lehrerinnen und den Zusammenhalt unter den Mädchen. Das ist ja das Faszinierende an den „Hanni und Nanni“-Büchern: Die Mädchen halten zusammen und sind gemeinsam stark. Wir haben es geschafft, das modern im Film zu erzählen. Die alten Werte vertritt übrigens Frau Mägerlein, die für Disziplin und Ordnung steht. Sie ist ein wichtiges – und sehr komisches! – Gegengewicht zur chaotischen Mademoiselle Bertoux.

Ist Ihr Film ausschließlich für Mädchen?

 
Nicht unbedingt. Der bereits erwähnte Scheidungskonflikt der Eltern betrifft ja Jungs genauso wie Mädchen. Außerdem haben wir einen Jungen, der Lindenhof ziemlich durcheinanderwirbelt: Philippe, den Neffen von Mademoiselle Bertoux. Ich glaube, dass sich die Jungs mit ihm gut identifizieren können. Der arme Kerl kommt ja in einen regelrechten Hühnerhaufen und muss sich darin erst mal zurechtfinden, wird aber letztlich doch Mitglied der Gruppe. Und dann haben wir noch die Geschichte mit den Gangstern. Ich habe einen achtjährigen Sohn, der wird das sehr mögen. Das ist einfach spannend. Nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene.
 
Wie viele Kinder haben Sie denn?
 
Ich habe zwei Jungs und ein Mädchen. Sie haben übrigens viel zu diesem Film beigetragen: Ich habe mich mit ihnen über die Geschichte unterhalten und sie haben mir ihre Meinung dazu gesagt. Als es um die Besetzung der neuen Kinder ging, haben sie auch ein wenig mit in die Casting-Bänder hineingeguckt und mir gesagt, wen sie warum gut finden.

Würden Sie Ihre eigenen Kinder auch auf ein Internat schicken?

 
Nein. Ich finde, dass es denen bei uns noch ein bisschen besser geht. Wenn man irgendwo auf dieser Welt ein Internat wie Lindenhof fände, würde ich es mir allerdings noch einmal überlegen.


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