Interview mit Otto Alexander Jahrreiss

Otto Alexander Jahrreiss arbeitete schon als Schüler als Fotograf. Diese Laufbahn baute er nach dem Schulabschluss im Werbe- und Modebereich aus. Als Gaststudent studierte er an der Hochschule für Fernsehen und Film München sowie an der University of California in Los Angeles. In dieser Zeit schrieb er erste Drehbücher. 1991 bis 1993 war er Dozent für Regie an der Filmakademie Baden-Württemberg. Dabei arbeitete er mit bekannten Regisseuren wie Reinhard Hauff, Michael Verhoeven, Nico Hofmann und Roland Klick zusammen. Für UFA Cinema schrieb er das Drehbuch zum Film Die Relativitätstheorie der Liebe und führte Regie.


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ufa.de: Wie ist das Projekt entstanden?

Otto Alexander Jahrreiss: Ich hatte mit Olli Dittrich die Werbekampagnen für Media Markt gemacht. Während dieser Zeit haben Olli und ich öfter darüber nachgedacht, ob wir seine Verwandlungstalente nicht auch fürs Kino nutzen können. Unabhängig davon traf ich zufällig Nico Hofmann, den ich seit vielen Jahren kenne und der mich fragte, ob ich nicht für die Ufa Cinema einen Kinofilm mit Olli Dittrich entwickeln und drehen wollte. Meine erste Reaktion war natürlich sofort: Warum nicht? Ich sagte ihm dann aber auch, dass ich mir eine Übersetzung des Werbekampagnenkonzepts fürs Kino nicht recht vorstellen konnte und dass auch Olli Dittrich Vorbehalte hätte, zumal er meinte, dass seine erfolgreichen TV-Formate wie „Dittsche“ und „Blind Date“ auf dem Bildschirm bleiben sollten. Nico Hofmann zeigte sofort Verständnis, und so fing ich an, nach einem neuen Konzept für den Film zu suchen. Natürlich sollte es darum gehen, Olli Dittrich in mehreren Rollen zu zeigen, was im Kino zwar ungewöhnlich, aber nicht unbedingt neu ist: Alec Guinness hat es gemacht, Eddie Murphy und viele andere auch. Kurz darauf hatte ich dann die Idee, den gesamten Film quasi auf dem Konzept des Rollenspiels aufzubauen, wie wir es aus dem Theater kennen: Ich wollte nicht nur die Männer des Films mit Olli, sondern auch die Frauen mit nur einer Schauspielerin besetzen. Daraus ergab sich mein Entwurf eines modernen Großstadtreigens, wobei erstmals in der Filmgeschichte die verschiedenen Paare nur von einem Schauspieler und einer Schauspielerin in unterschiedlichen Rollen gespielt würden.

Die UFA Cinema mochte die Idee, aus der sich die erste Frage ergab: Wer kann all die Frauenfiguren spielen und neben Ollis Verwandlungstalent bestehen? Es ging darum, eine Schauspielerin zu finden, die nicht nur das darstellerische, sondern eben auch das komödiantische Talent mitbringt. Sehr schnell fiel dann neben den eher aus dem komischen Fach bekannten üblichen Verdächtigen der Name Katja Riemann, und ich war von der Idee sofort angetan. Ich traf mich mit Katja, und sie traute sich diese anspruchsvolle Aufgabe zu. Aufgrund unserer Zusammenarbeit weiß ich jetzt, dass niemand diese fünf Rollen besser hätte spielen können als sie. Katja ist eine sehr ernsthafte Schauspielerin: Wenn sie sagt, dass sie eine Aufgabe bewältigen kann, dann kann sie das auch.

ufa.de: Wie haben Sie mit den Hauptdarstellern gearbeitet?

Otto Alexander Jahrreiss: Zunächst mit jedem auf sehr unterschiedliche Weise, da beide von völlig verschiedenen Ansätzen herkommen und man als Regisseur diesen Ansätzen gerecht werden muss, um später eine Kompatibilität der Performances zu bekommen. Olli Dittrich geht zum Beispiel überhaupt nicht technisch vor, sondern über eine ganz eigene Befindlichkeit: Über das Kostüm und die Maske verwandelt er sich wie ein Chamäleon in die jeweilige Figur. In diesem Moment empfindet und spricht er nur noch wie diese Figur. Diesen Ansatz kannte ich schon aus der gemeinsamen Werbearbeit, wo wir es mit noch viel mehr Figuren zu tun hatten, die innerhalb von wenigen Stunden abgedreht werden mussten. Ich wusste also, dass ich ihn nur mit dem jeweiligen Rollennamen ansprechen und auch genauso behandeln würde wie die Figur, nicht aber wie Olli Dittrich.

Ganz anders Katja Riemann, die mit diesem Film meiner Meinung nach beweist, dass sie die wahrscheinlich begabteste Schauspielerin ist, die wir in Deutschland haben. Sie arbeitet mit einer klassischen Schauspieltechnik, das heißt: Mit ihr kann ich mich auch direkt vor der Aufnahme noch in Bezug auf die Rolle auseinandersetzen, und erst in dem Moment, wenn die Kamera läuft, schlüpft sie endgültig in ihre Figur. Das Ungewöhnliche bei Katja ist, dass sie neben ihrer Technik noch derart viel Intuition und Improvisation in die einzelnen Takes einfließen lassen kann, dass die Figuren niemals inszeniert oder „gespielt“ wirken.

ufa.de: Die unterschiedlichen Geschichten des Films werden praktisch simultan erzählt. War es schwierig, sie zu einem stimmigen Skript zu kombinieren?


Otto Alexander Jahrreiss: Weniger schwierig als erwartet. Ich habe das komplette Drehbuch in etwa zehn Tagen geschrieben, wobei ich jedoch vorher schon einige „Vorarbeiten“ geleistet hatte. Etwa die Hälfte der Figuren hatte ich bereits für frühere, unrealisierte Projekte entworfen. Die andere Hälfte ergab sich aus der jetzigen Konstellation. Aufgrund meiner bisherigen Filmerfahrungen wusste ich, in wie vielen Szenen die einzelnen Figuren etwa auftreten sollten – eben nicht in 50 wie in einem Film mit zwei Hauptfiguren, sondern nur in zwölf, 13 Szenen. In diesen Szenen muss die gesamte Geschichte dieser einen Figur erzählt werden. Daraus ergab sich, wie elliptisch ich vorgehen musste, wie sich die Handlungsstränge entwickeln müssen, um den Film insgesamt voranzubringen. Und es stellte sich heraus, dass es im fertigen Film kaum Veränderungen oder Umstellungen im Vergleich zur Drehbuchvorlage gab.

ufa.de: Die beiden Stars müssen ständig in anderen Masken auftreten, manchmal sind sie sogar mehrfach in einem Bild zu sehen. Was bedeutete das für die Dreharbeiten?

Otto Alexander Jahrreiss: Grundsätzlich bedeutet es, dass die Logistik bezüglich der Dreharbeiten insgesamt und am jeweiligen Drehtag noch komplizierte ist als sonst. Die Technik an sich, also die Motion-Control-Kamera, die es erlaubt, denselben Schauspieler mehrfach in derselben Szene auftreten zu lassen, kannte ich schon von mehreren Werbefilmdrehs – das war also eigentlich nichts Neues. Dagegen war die Maskenproblematik eigentlich immer präsent, denn selbst wenn die Schauspieler nur in einer Rolle pro Tag spielen mussten, waren sie dafür mindestens drei Stunden lang mit dem Aufbringen und der Instandhaltung der Maske beschäftigt. Optimal war dementsprechend ein Drehtag, an dem die Schauspieler von morgens bis abends in derselben Maske arbeiten konnten. Und wenn nicht, wurden diese Unterbrechungen so in den Drehtag eingeplant, dass man währenddessen mit dem anderen Hauptdarsteller allein weiterarbeiten konnte. Über diese logistischen Fragen hatten wir uns von Anfang an Gedanken gemacht, und so lief der Dreh dann letztendlich ohne große Komplikationen ab.

ufa.de: Welche Bedeutung hat der Schauplatz Berlin?

Otto Alexander Jahrreiss: Berlin ist einfach die einzige Stadt in Deutschland, die wirklich den Charakter einer Metropole hat und in der demzufolge ein Reigen solcher Geschichten nicht aufgesetzt, sondern absolut authentisch erscheint. Es gibt zudem Tage in Berlin, da wirkt die Stadt sehr grün, sehr lebensfroh, offen, warm oszillierend, was für den Spielort eines Films grundsätzlich passende Eigenschaften sind, wenn es darin um das Erwachen von Gefühlen, um erfüllte wie gescheiterte Liebe geht. Trotzdem muss man sagen, dass Berlin als Stadt in dem Film keine allzu große Rolle spielt. Eher repräsentierte es die Großstadt im Allgemeinen.

ufa.de: Gabe es ein Regiekonzept, ein Konzept zur filmischen Umsetzung?

Otto Alexander Jahrreiss:Das Konzept bestand eigentlich darin, kein Konzept sichtbar zu machen und alles dafür zu tun, dem High-Konzept der im Grund völlig artifiziellen Idee aus dem Theaterbereich eine völlig selbstverständliche und dadurch jederzeit authentisch wirkende Filmsprache entgegenzusetzen. Jedes Gewerk wurde von mir darauf gebrieft, so naturalistisch und authentisch wie nur möglich zu arbeiten, weil unser Konzept an sich schon so „unnatürlich“ ist. Bezüglich der Auflösung der einzelnen Szenen war entscheiden, den ganzen Film mit der Steadicam zu drehen, was man gar nicht wahrnimmt, was uns aber immer die Möglichkeit gab, der Aktion mehr zu folgen und sie nicht so stark für die Kamera zu inszenieren. Auch das hat zur angestrebten Natürlichkeit der Figuren und des Films beigetragen. Die Steadicam hat außerdem im Vergleich zum Stativ oder verschiedenen Dollys den Vorteil, dass sie immer mit atmet. Dieses Mitatmen, dieses fast „schlampige“ Begleiten der Figuren, bedeutet mir sehr viel und trägt stark zu der warmen Grundstimmung des Films bei. Die Hauptfiguren wirken dadurch weniger „inszeniert“.

ufa.de: Mit welchem Anspruch gehen Sie an die Regiearbeit?

Otto Alexander Jahrreiss:Ich glaube, dass das „erwachsene“ Kinopublikum ständig wächst und ein immer größeres Interesse hat, sich mit neuen Erzählansätzen auseinanderzusetzen – es will nicht blind einer bekannten Erfolgsformel folgen.
Für mich ist ein Film nur interessant, wenn er mir etwas bietet, was ich noch nicht kenne. Ich denke, jeder Filmemacher – also jeder Filmautor – sollte sich auch damit befassen, etwas Neues auszuprobieren, statt einen früheren Erfolg quasi noch einmal zu drehen, nur weil der Film damals funktioniert hat oder weil zwei Millionen Leser die Buchvorlage gekauft haben. Das kann man durchaus einmal machen, aber für mich ist der spielerische Ansatz, einen Film zu machen, viel interessanter.

Mir geht es darum, das Publikum zu verführen. In meinen bisherigen, sehr unterschiedlichen Filmen habe ich mich immer darum bemüht, die Zuschauer am Ende nicht nur befriedigt nach Hause zu schicken, sondern sie zu verführen. In einem Fast-Food-Restaurant weiß man ganz genau, was man auf den Tisch bekommt – in einem guten Lokal weiß man dagegen nie, was der Koch heute auf dem Markt besorgt hat. Diesen Unterschied gibt es auch zwischen Spielfilmen. Ich gehe lieber ins Kino, um mich der Empfehlung des Kochs zu überlassen, statt von vornherein Pommes und einen Burger zu bestellen.

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