Interview mit Olli Dittrich

Olli Dittrich ist bekannt für seine Verwandlungs- und Improvisationstalente. Er wurde vielfach ausgezeichnet: Unter anderem dreimal mit dem Adolf Grimme-Preis, dem deutschen Fernsehpreis, zweimal dem Bayerischen Fernsehpreis, zweimal mit dem Bambi, der Goldenen Romy, der Goldenen Europa und der Goldenen Kamera.

ufa.de: Wie fühlen Sie sich jetzt am Ende der Dreharbeiten?

Olli Dittrich: Ich merke, wie entscheidend es auf die Teamarbeit ankommt. Wie sehr ich angewiesen bin auf meine Maskenbildnerin Michele Thevenet, auf Jenny Retzlaff, ihre Assistentin, auf meinen Kostümbildner Michael Zinn, mit dem ich schon vor diesem Film über viele Jahre manche Schlacht geschlagen habe. Das Gefühl, gemeinsam etwas erreicht zu haben, ist auch jetzt zu Ende der Dreharbeiten in unserem Team zu spüren. Dennoch müssen wir uns nach wie vor auf das konzentrieren, was wir noch zu tun haben. Gerade gestern ergab sich das Problem, dass ich in einer Außenszene auf dem Balkon den Paul spielen sollte – es regnete, was nicht zum Film passt und auch nicht zu meiner Maske, denn die Nase besteht aus Gelatine, und die darf nicht mit Wasser in Berührung kommen. Also mussten wir bis zum Nachmittag warten – bis sich das Wetter besserte. Hinzu kommt, dass ich mit einer Taube auftrete, und es ist und bleibt mir nach wie vor ein Rätsel, warum die Tiere irgendwann endlich doch das tun, was sie vor der Kamera tun sollen. Aber das Tier hat sich reichlich geziert, auf Stichwort auf meinem Arm zu landen. In meiner anderen Rolle als Frieder trete ich in der Wohnung sogar mit 60, 70 Tauben auf – ein skurriles Bild. Auch diese Szenen haben mir einen gehörigen Respekt eingeflößt.

ufa.de: Nehmen Sie Ihre Filmrollen abends mit nach Hause?

Olli Dittrich: Die Figuren lassen mich während der Dreharbeiten nie los. Es war ja von vornherein klar, dass ich mehrere Rollen übernehmen würde – schon beim Lesen krochen die Figuren in mich hinein. Sofort fällt man gedanklich in die verschiedenen Körperhaltungen und Sprachfärbungen. Für mich ist das ein Zeichen, dass das Skript sehr wahrhaftig erdacht ist. In „Die Relativitätstheorie der Liebe“ spiele ich fünf Figuren - wobei der Yogi nur wenig in Erscheinung tritt - die übrigen vier Biografien habe ich ständig auf Abruf parat.
Youssef und Paul erfordern aufwändige Masken, die meine Haut stark beanspruchen – es ist abenteuerlich, wie ich aussehe, wenn ich nach 15, 16 Stunden wieder abgeschminkt bin und meist als Letzter das Set verlasse: wie eine Schwarzwälder Kirschtorte.


ufa.de: Seit wann kreieren Sie Figuren selbst?

Olli Dittrich: In der Show „RTL Samstag Nacht“, in der ich fünf Jahre mitgewirkt habe, begann alles, das war 1993. In einer Art Talkshow-Parodie mit Wigald Boning stellte ich die wechselnden prominenten Gäste dar, und wenn es in der jeweiligen Woche keinen passenden VIP zu parodieren gab, habe ich immer öfter fiktive Prominente zu einem aktuellen Thema erfunden. Dieser wöchentliche Prozess war meine Schauspielausbildung. Learning by doing. Offenbar habe ich ein Gesicht, das man schon mit vergleichsweise wenig Maskenaufwand stark verändern kann. Die Glaubwürdigkeit und Lebendigkeit einer Figur muss aber zunächst von innen kommen – sie ist wichtiger als eine noch so perfekte Maske.

ufa.de: Diesmal sind die Figuren allerdings von Autor/Regisseur Jahrreiss erfunden.

Olli Dittrich: Ja, aber die Vorgaben des Skripts sind ja immer nur der Anfang – mit Maskenbildnerin Michele Thevenet und den Fachfrauen der Münchener Maskenwerkstatt "Manufaktur", mit denen ich seit Jahren arbeite, stellte ich vorab schon Elemente zusammen, die zu den Drehbuchfiguren passen könnten. Wir haben einen großen Fundus, aus dem wir schöpfen können. Tag für Tag haben wir uns eine Figur vorgenommen: Wie sehen Youssefs Haare aus? Trägt er einen Bart? In Absprache mit Otto Alexander Jahrreiss haben wir auf diese Weise etwa 80 Prozent des Erscheinungsbildes gestaltet.

ufa.de: War die Gestaltung der fünf Figuren unterschiedlich schwierig?

Olli Dittrich: Stevie, der Musiker und Gelegenheitsjobber war für mich anfangs nicht so leicht zugänglich, weil er zunächst wenig komisches Profil hat. Ich stehe seit fast 40 Jahren auf der Bühne, bin jahrelang als Musiker mit unzähligen Bands durch die Lande gefahren – da kennt man diesen Typus Tingelbursche eigentlich ganz gut. Aber in den anfänglichen Szenen mit Alexa steht der Musiker Stevie gar nicht im Vordergrund, er ist zunächst eher ein schlurfiger Hippie, den ich erstmal in den Griff bekommen musste. Nach den ersten Szenen habe ich im Gespräch mit Otto nochmals intensiv am Feinschliff dieser Figur gearbeitet.

ufa.de: Und die anderen Figuren?

Olli Dittrich: Der Yogi taucht ja nur kurz auf. Dennoch half mir die Tatsache, dass ich seit 26 Jahren meditiere, sehr. Ich habe in der Vorbereitung sogar mit meinem Meditationslehrer von damals gesprochen, um mir das richtige Singsang der Mantren vorzubereiten und - trotz aller Skurrilität - nicht unglaubwürdig zu sein. Besonders interessant ist der Bruch in der Figur des Werbefachmanns: Frieder ist erfolgreich, überdurchschnittlich intelligent und dynamisch. Die Heuchelei, die mit der Werbung grundsätzlich verbunden ist, erträgt er nicht mehr. Außerdem hat er die falsche Frau geheiratet. Dann noch sein pubertierender Sohn Hanno, zu dem er immer weniger Zugang findet und mit dem er sich auseinandersetzen muss. Insgesamt treffen wir ihn in einer Lebenssituation, die einen Wendepunkt markiert. Sehr spannend.

Der Fahrlehrer Paul war sicher in jungen Jahren mal ein richtig feuriger Draufgänger, denke ich. Aber in seiner Ehe lebt er das nicht mehr aus. Seine Frau ist eine Granate, die ihm ordentlich Zunder gibt. Dadurch haben sie sich einst gefunden, aber deswegen geht er ihr heute aus dem Weg. Ihre Liebe ist sicher sehr groß, aber verschüttet und in die Jahre gekommen. Gegenseitige Vorwürfe wechseln sich ab. Paul ist, wie die anderen Figuren, eine große Herausforderung, weil ich so etwas noch nicht gespielt habe. So wie er aussieht, ist er mit seiner Nase und Glatze auf den ersten Blick sehr lustig, fast clownesk. Man muss anfangs, wenn man diese etwas derangierte Gestalt sieht und hört, erstmal ziemlich lachen. Aber wenn sich das Blatt wendet, wenn er hilflos ist oder sehr traurig ist, wird es plötzlich sehr ernst.

Youssef ist Libanese, der in Deutschland lebt und arbeitet. Ein ebenso rührender Herr mit feinen Manieren, ehernen Absichten und einer gehörigen Portion Naivität. Aber, wie er selbst sagt: "Ich bin eine ehrliche Mann". Otto hat meine Youssef-Dialoge vor Drehbeginn komplett von einem libanesischen Bekannten in dessen gebrochenem Deutsch auf Band sprechen lassen, und an dieser Vorlage habe ich mich klanglich orientiert. Dieses Libanesisch-Deutsch ist sehr speziell, eben kein "ey, was wisst Du, hä"-Comedy-Türken-Türsteher-Deutsch, sondern eine Sprachfärbung, wie sie in der libanesischen Community in der Sonnenallee zum Beispiel oft gehört wird. Wir haben ja dort direkt mit Libanesen gedreht, da fällt jede kaspermäßige Übertreibung sofort auf. Außerdem gab's ja sogar Szenen in libanesischem Dialekt, die im Film per Untertitel übersetzt werden. Eine echte Herausforderung, wenn sich Geräuschlaute an Worten, die man im Rachen erzeugt, nur durch Kleinigkeiten unterscheiden. Du denkst, jetzt hast du alles richtig ausgesprochen, aber der sehr strenge Coach sagt: "nee, nee, das waren nur 80%". Also noch mal von vorne.

ufa.de: Wie kompliziert waren die Szenen, in denen Sie gleich doppelt zu sehen sind?

Olli Dittrich: Besonders das Abendessen mit Gabriella, Alexa, Paul und Stevie war technisch sehr anspruchsvoll und mühsam, bis alles perfekt im Kasten war. Ein langer Ritt. Man muss bei den verschiedenen Durchgängen derselben Szene sehr präzise arbeiten, denn du spielst - nach Proben mit Doubles - die Szenen quasi ohne Gegenüber, allein mit kleinen Marken am Boden. Später oder tags drauf in einer anderen Figur dann den Gegenpart. Zu der komplizierten einstudierten Choreografie der Bewegungen und Ansprachen in der Szene kam noch hinzu, dass die technisch größte Schwierigkeit für mich ganz am Ende der Szene lag. Paul gibt Stevie eine Bierflasche und die wird lässig aus der Bewegung heraus übergeben. Wenn das nicht auf den Millimeter genau stimmt, kann das kein Techniker der Welt in der Postproduktion später zusammenfügen, dazu kommen sich die Arme bzw. Hände viel zu nahe und werden auch noch durch die Bierflasche verbunden. Bis das klappte, waren etliche perfekte Takes nötig.

ufa.de: Wie arbeiten Sie mit Regisseur Otto Alexander Jahrreiss zusammen?

Olli Dittrich: Wir haben schon Werbung zusammen gedreht, dort kam ja auch irgendwann bei ihm die Idee auf, mehrere Menschen - wie im klassischen Theater - von ein und derselben Person spielen zu lassen. In einem Reigen über die Liebe, das Leben, wie auch immer. Otto Jahrreiss ist ein Maniac, ein Verrückter, ein kleines Genie. Er geht mit Hingabe und totaler Leidenschaft an die Sache und das eint und verbindet uns sehr, auch wenn im Eifer des Gefechts mal die Fetzen fliegen sollten. Denn ich bin im Grunde genauso. Er liebt die Kunst und das Besondere. Und das beides trotzdem sehr kommerziell sein kann und breitenwirksam. Oder besser: vielen Menschen aus dem Herzen sprechen kann. Otto hat mit diesem Drehbuch bewiesen, dass man heiter, romantisch und hochkomisch erzählen kann, gerade dann, wenn der Boden, auf dem alles steht, bisweilen auch tragisch, traurig oder bierernst sein kann. So ist es nämlich auch im echten Leben. Es ist immer ein Fest, mit ihm zu arbeiten.

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