Interview mit Katja Riemann

Die Liste ihrer Filmpreise ist lang und reicht über drei Deutsche Filmpreise, zwei Adolf-Grimme-Preise, den Ernst-Lubitsch-Preis, drei Bayerische Filmpreise bis hin zur Coppa Volpi (Auszeichnung als Beste Schauspielerin auf dem Filmfestival Venedig), dem Preis für Schauspielkunst (Festival des deutschen Films in Ludwigshafen) sowie dem Premio Bacco (Preis der italienischen Filmkritiker). Für die UFA Cinema Produktion Die Relativitätstheorie der Liebe schlüpfte Katja Riemann gleich in fünf Rollen: Peggy, Eva, Maria, Gabriela, Alexa.

ufa.de: Wie haben Sie sich auf die Rollen vorbereitet?

Katja Riemann: Ich würde das mit einer Schwangerschaft vergleichen: Das Gute an der Schwangerschaft ist, dass das Kind in meinem Bauch heranwächst, ohne dass ich viel dazu tue. So geht es mir auch mit meinen Rollen: Sie sind zunächst emotional noch nicht greifbar, aber irgendwo reifen sie heran, und nach und nach fallen mir Dinge dazu ein.

Sicher lasse ich mich auch von Menschen inspirieren, denen ich zum Beispiel im Supermarkt begegne. Aber wir drehen ja keine Dokumentation, sondern wir erfinden Figuren, außerdem fließt die eigene Lebenserfahrung mit ein. Letztlich geht es aber darum, den vorgegebenen inneren Konflikt meiner Figur entweder zu unterstützen oder zu konterkarieren. Wie kann ich darstellen, dass sich die Figur so fühlt, aber ganz anders handelt?
Peggy entspricht nicht dem gängigen Schönheitsideal, über sie wird schnell gelästert, weil niemand so aussehen möchte wie sie. Zunächst freuen wir Zuschauer uns darüber, dass wir anders sind als Peggy. Aber dann schauen wir in sie hinein und entdecken, dass sie fähig ist, ein unmittelbares Gefühl zu haben, lieben zu können.

Ich fand es sehr interessant, welche Sympathie sich am Set für Peggy entwickelte. Das liegt auch daran, dass sie in einer klaren Notsituation ist: Sie ist einsam, selbstmordgefährdet, spricht aber nicht darüber. Entsprechend groß ist das Gefälle, als sie Glücksmomente mit Youssef erlebt. Und weil das so überdeutlich wird, haben alle Peggy lieb!

Ich versuche die vorgegebene Geschichte so komplex und lebendig wie möglich zu gestalten. Worin liegen die Widersprüche der Figuren? Ich biete den Zuschauern eine Projektionsfläche, die sie dann selbst ausfüllen können. Alles soll zufällig wirken, aber das ist es nicht. Jedes Detail habe ich von langer Hand vorbereitet. Natürlich musste ich zum Beispiel mit den falschen Zähnen sprechen üben.

Vor allem sehe ich meine Aufgabe darin, die Figuren in Relation zu den anderen zu erfinden. Denn ich muss ständig darauf achten, dass meine Figuren sich voneinander unterscheiden.

ufa.de: Wie wichtig ist dabei die Maske?

Katja Riemann: Ich finde es sehr schwierig, ältere Frauen zu spielen. Im besten Fall kann man sagen: Gute Maske! Ich gehe letztlich von einem Pakt mit dem Publikum aus: Der Zuschauer und ich behaupten jetzt einfach: Katja Riemann spielt eine „Petra Schmidt“. Jedermann weiß, dass ich Katja Riemann heiße und Schauspielerin bin. Trotzdem schaut man zu und sagt sich: „Das ist jetzt Petra Schmidt!“

In Die Relativitätstheorie der Liebe behaupten wir diesmal, dass ich fünf verschiedene Frauen bin. Und wenn das Publikum da nicht mitmachen würde, dann kämen wir nicht weiter. Es muss also diese Übereinkunft geben: Wir spielen euch was vor, und ihr macht alle mit! Im schönsten Fall ist Kino Illusion und Verführung. Ich bin ein großer Kino-Fan und empfinde es als einen Vorgang, ins Kino zu gehen und sich eine Karte zu kaufen – das ist etwas ganz anderes, als das TV-Gerät anzumachen.

Entsprechend heißt die Verabredung hier: Die von mir gespielte Gabriela ist Mitte 50. Es geht darum, eine Figur zu erfinden. Sie soll überzeugen – egal wie alt sie ist. Allerdings ist in diesem speziellen Fall wichtig, dass sie in Relation zu den anderen Figuren steht – sie muss auch als Alexas Mutter überzeugen. Also muss Alexa jünger und Gabriela älter sein als ich selbst.

Viel wichtiger als das Alter sind mir die Verhaltensweisen, die Maske, die Kostüme, Brillen, die Stimmhöhe, die Sprachfärbung, die Körpersprache, der Gang. Für mich steht die Schauspielerei im Vordergrund, die Verwandlung, die Imagination, die Verführungskunst, die Sinnlichkeit.
Wie kann die Maske das unterstützen, was wir ausdrücken möchten? Masken und Requisiten sind Werkzeuge, die mir helfen, meine Rollen besser zu spielen. Das Kleid verhindert, dass ich friere, aber es definiert auch die Rolle. Hinzu kommt, dass manches Outfit zur Rolle passt, aber mir nicht steht, wenn ich es trage. Eine Perücke darf nicht so aussehen, dass man sagt: „Das ist Katja Riemann, die eine Perücke trägt.“ Alexa war am schwierigsten, weil wir bei ihr nichts überhöhen konnten. Überhaupt haben Schauspielerinnen es schwerer, wenn sie ihr Gesicht verändern sollen – Männer können sich einen Vollbart oder Schnurrbart ankleben.

ufa.de: Wie unterscheidet sich Alexa von ihrer Mutter Gabriela?

Katja Riemann:
Alexa ähnelt ihrer Mutter natürlich. Sie spricht aber das beste Hochdeutsch aller fünf Figuren, während ihre südamerikanische Mutter spanisch gefärbt spricht und ihr Vater berlinert. Ich finde es schön, wenn Mutter und Tochter in ihren Gesprächen Spanisch und Deutsch mischen.

Ich bin alle meine Gabriela-Szenen mit der Spanisch-Lehrerin meiner Tochter durchgegangen. Sie hat mir erklärt, welche Schwierigkeiten Spanier mit der deutschen Sprache haben, und wir beide haben uns auch über die Unterschiede zum südamerikanischen Spanisch informiert, denn Gabriela stammt aus Venezuela. Von diesen spezifischen Sprachproblemen habe ich mir einige für Gabriela ausgesucht: Sie hat Schwierigkeiten mit den Umlauten, und wenn zu viele Konsonanten aufeinander folgen, dann kommt „Volks-e-hoch-e-schule“ dabei heraus.
Gabriela ist klein, aber stolz – deswegen geht sie kerzengerade. Brüste und Po werden besonders betont, und sie trägt diesen Körper mit Stolz, weil sie begreift, dass Männer ihn den üblichen Knochengestellen vorziehen.

Ich finde es spannend, wie sich die Energie am Set verändert je nach der Rolle, die ich gerade spiele. Am deutlichsten ist das, wenn ich Eva verkörpere, die total relaxt ist. Ich habe an den Tagen nur noch geschlafen.

Für mich liegt der größte Teil meiner Arbeit in der Vorbereitung. Und wenn der Stoff gut konstruiert ist, dann fängt das irgendwann an zu leben. Ich glaube aber auch an einen Filmgott, der im rechten Moment das gute Wetter schickt, selbst im Dezember, wenn die Sonne eigentlich nie scheint. Manchmal gibt es dann Koinzidenten, bei denen ich nicht genau unterscheiden kann: Ist das hergestellt, ist das Zufall oder ist das einfach genau kalkuliert? Zum Beispiel haben wir die Hauptsequenz der Gabriela gedreht, als ich meine Bronchitis hatte – das war super, weil Gabriela mit tiefer Stimme spricht. Wenn ich in dem Moment die Alexa oder Eva gespielt hätte mit ihren höheren Stimmen, hätten wir ein Problem gehabt.

 
ufa.de: Wie ist das Verhältnis der Schwestern Eva und Maria?

Katja Riemann: Eva und Maria lieben sich, sind sich sehr nah. Eva ist ja ziemlich abgedreht, aber Maria ist ihr sehr zugetan, auch ohne schlechtes Gewissen. Die Tatsache, dass Maria seit 15 Jahren eine Affäre mit Evas Mann hat, steht einfach auf einem anderen Blatt. Ich will durchaus nicht nur sympathische Frauen spielen. Meine Rolle in „Agnes und seine Brüder“ war unsympathisch, und ich versuchte zu zeigen, woher ihre Frustration kommt.
Maria hat eine extrem gestylte Oberfläche, sie geht zum Friseur und zum Make-up-Artist, kennt sich mit Mode aus, hat einen sehr guten Geschmack, trägt hohe Hacken, raucht, spricht gut Englisch, kennt sich aus in der Kunstwelt. Doch plötzlich hört man sie Hamburgisch sprechen – das hat sie nie verlernt, sie ist liebenswert geblieben. Man darf das nur nicht übertreiben – frei nach Goethe: „Ich erkenne die Absicht und bin verstimmt.“

ufa.de: Wie arbeiten Sie mit Regisseur Otto Alexander Jahrreiss zusammen?

Katja Riemann: Ich habe Otto in den ersten sechs Monaten der Vorbereitung nur zugehört, um zu begreifen: Wie tickt er? Bin ich in der Lage, seine Ideen stofflich sichtbar zu machen? Wir trafen uns immer wieder, sprachen über die neuen Drehbuchfassungen. Otto weiß ganz genau, was er will. Doch wenn er Prinzipien aufstellt, dann auch, um sie gegebenenfalls umzuwerfen. Im Lauf der Zeit entwickelte ich eine Geschmacklichkeit für die Figuren. Eine hat mich sehr bekümmert: Alexa. Ich begriff sie nicht, habe mit Otto lange über sie gesprochen. Daraufhin hat er die Rolle noch einmal komplett überarbeitet. Jetzt ist sie Schauspielerin und bekommt eine weitere Dimension, weil wir sie auch in ihrer Serienrolle erleben.
Jedenfalls war ich extrem aufgeregt, als die Dreharbeiten begannen. Doch in der konkreten Filmarbeit lief es dann großartig, weil ich merkte: Jetzt wird es konkret, jetzt kann ich die Theorie in verschiedenen Varianten umsetzen. Und alle meine Vorschläge nimmt Otto gern auf, vice versa, wir begegnen uns auf Augenhöhe. Wir sind uns darin ähnlich, dass wir beide eine klare Vorstellung haben, aber uns auch vom Gegenteil überzeugen lassen, wenn es nötig ist. Wir schätzen uns sehr, wir inspirieren uns. Bis zum letzten Moment bleibt es spannend.

ufa.de: Hat die Filmstory gesellschaftliche Relevanz?

Katja Riemann: Durchaus. Es geht um Männer und Frauen, um etwas Allgemeingültiges, ums Kennenlernen, Beziehungen, Ehe, Familie, Betrug, um Abschied. Ottos Idee, die Geschichte mit zwei statt zehn Personen zu erzählen, mag das noch verdeutlichen. Denn wir zeigen, dass Menschen immer wieder vor denselben Problemen stehen. Die Probleme sind facettenreich, aber in der Essenz sehr ähnlich. Mit den Mitteln der Komödie überhöhen wir die Probleme, um sie zu verdeutlichen.

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