Interview mit Dennis Gansel

Dennis Gansel ist ein deutscher Regisseur und Drehbuchautor. Zu seiner Filmografie zählen erfolgreiche Filme wie "Die Welle", "Mädchen, Mädchen", "Napola – Elite für den Führer" und "Wir sind die Nacht". Für seinen neuesten Film Die vierte Macht schrieb er das Drehbuch und führte Regie. Die UFA Cinema Produktion wird am 8.März in die Kinos kommen.

Die vierte Macht - ein Dennis Gansel Film

Wann und wo hatten Sie die Idee für das Drehbuch zu
DIE VIERTE MACHT?


Auf die Idee bin ich durch mein Regiedebüt „Das Phantom“ gekommen, das ja auch schon eine Verschwörungstheorie zum Inhalt hatte, die so genannte dritte Generation der RAF. Das fand ich sehr spannend, deshalb fing ich im Herbst 1999 mit Recherchen an und traf mich mit vielen Leuten. Je tiefer ich in die Materie eintauchte, desto interessanter fand ich das. Ich recherchierte auch viel über Italien, über die Brigate Rosse. Im Jahr 2000 entwickelte ich ein Drehbuch namens „Rote Brigaden“, das in Italien spielt und von dem Anschlag auf Aldo Moro handelt. Leider habe ich den Film damals doch nicht gedreht. Die Idee ruhte ein paar Jahre, aber weil mein erster Film über Terrorismus „nur“ im Fernsehen gelandet war, hatte ich den Ehrgeiz, es mit diesen Stoff diesmal ins Kino zu schaffen (lacht). Im Winter 2004/2005 unternahm ich eine Russlandreise und stellte „Napola“ u. a. in Moskau vor. Damals lernte ich viele Russen kennen – nicht nur die Offiziellen vom Festival, sondern auch Journalisten, Medienleute, Praktikanten und normale Zuschauer, und die erzählten mir von ihren Arbeitsbedingungen, vom Leben im Allgemeinen. Anschließend ging es nach Sankt Petersburg, und dort fiel mir vor allem die enorme Polizeipräsenz auf. 2006 wurde der Mordanschlag auf Anna Politkowskaja verübt, und da wusste ich, darüber muss ich was machen. Ich kramte meine Recherchen hervor und fing 2008 an gemeinsam mit Nina Maag bei UFA Cinema dieses Drehbuch zu entwickeln.

 

Konnten Sie ungehindert recherchieren?

Nun, als ich in Russland war und Quellen oder Gesprächspartner nachprüfen wollte, stieß ich schon mal auf Internetseiten, deren Zugang gesperrt war. Das passierte häufiger. Was mir aber besonders auffiel: In Russland herrscht eine Art stille Zensur. Als ich ein Jahr später meinen Film „Die Welle“ vorstellte, musste ich mir beim größten staatlichen Radiosender folgendes anhören: Ist natürlich sehr interessant, dass gerade in Deutschland Faschismus wieder aufkommen kann, und dann antwortet man eben: Nun ja, es gibt durchaus ein paar andere Länder, in denen Demokratiebestrebungen nicht gerade unterstützt werden und wo man eine Art von neuer Autokratie spürt. Und dann blickt einem der Journalist offen in die Augen und würde das nie im Leben auf sein eigenes Land beziehen!

Gibt es in Russland Klatschblätter wie „Moscow Match“?

Aber ja. In Russland trafen wir auch Regina von Flemming, die Vorstandschefin von Springer Russia, die dort sowohl Boulevardmagazine herausgeben wie auch das „Forbes Magazine“, was dort fast das kritischste aller Blätter ist, was man einem Wirtschaftsmagazin kaum zutrauen würde – die sind sogar den ehemaligen Moskauer Oberbürgermeister Luschkow und seine Gattin angegangen.

Hat sich das Drehbuch von der ersten bis zur endgültigen Version sehr verändert?

Die Story stand von Anfang an fest, die eigentliche Handlung war schnell geschrieben. Die wahre Arbeit bestand für uns darin, einen packenden Film zu machen, der auch den Realitäten entspricht. Das war echte Fleißarbeit. Die Gefängnisszenen habe ich vor Drehbeginn komplett umgearbeitet, weil mir eine Anwaltskanzlei in Moskau sagte, im Drehbuch würde zwar alles weitgehend stimmen, aber es handele sich um den Stand vom Sommer 2005...

Und als das A und O entpuppte sich die Suche nach dem Hauptdarsteller – bei „Napola“ mit Max Riemelt und „Die Welle“ mit Jürgen Vogel hatte ich die Erfahrung gemacht, dass, sobald feststeht, wer die Hauptrolle spielt, das dem Drehbuch den letztendlichen Schliff gibt. Was Moritz Bleibtreu angeht, wollte ich schon seit ich ihn das erste Mal in „Stadtgespräch“ gesehen hab einen Film mit ihm machen. Ich wusste, dass er ein großer Fan von „Das Phantom“ ist. Er fand die Geschichte wahnsinnig spannend. In der damaligen Version war die Figur noch jünger, ein Student Anfang 20 – aber als Moritz zusagte, versprach ich, ihm die Figur auf den Leib zu schreiben. Das machte mir dann auch sehr viel Spaß. Jetzt steckt in der Figur ganz viel von Moritz drin, aber es gibt auch reale Vorbilder: zwei relativ bekannte Szenejournalisten, die man als schillernde Figuren bezeichnen könnte.

Was für ein Mensch ist Paul?

Paul Jensen befindet sich in einer Lebensphase, die ich gut nachvollziehen kann. Man hat beruflich was erreicht, ist aber trotzdem immer noch ein bisschen Berufsjugendlicher, hat die erste kleine Midlife-Krise hinter sich und ist immer wieder auf der Suche nach neuen Anfängen, muss vielleicht ein bisschen über sich selbst hinauswachsen. Paul ist ein Boulevardjournalist, in dessen Genen eigentlich ein politischer Mensch steckt. Diesen unterdrückt er aber einzig und allein, um eine Gegenposition zu seinem Vater einzunehmen. im Verlauf des Films wird er diese schließlich aufgeben, und das fand ich interessant. Mit dieser Reibung am Vater können Moritz und ich viel anfangen, und ich denke mal, auch viele andere Männer aus unserer Generation. In der Figur des Paul Jensen kommt viel zusammen, er ist ein Charakter mit Ecken und Kanten.

Wie streng befolgen Sie am Set Ihr eigenes Drehbuch?

Eigentlich improvisiere ich nicht so gern, weil ich sehr lang an meinen Drehbüchern arbeite. Aber diesmal haben wir tatsächlich einiges geändert, vor allem in den Gefängnisszenen. Es war so, dass mit Mark Ivanir ein Schauspieler ans Set kam, der wirklich viele kluge Dinge sagte, die seine Filmfigur betrafen, und Vorschläge machte, die das Buch, wie ich finde, verbesserten - obwohl man als Regisseur natürlich erst mal etwas reserviert reagiert. Es kann aber auch gefährlich sein, Dinge, die gründlich überlegt sind, aus einer Laune heraus zu ändern. Da muss man immer aufpassen.


Mussten Sie für den Dreh in Kiew Ihr Drehbuch der Zensur präsentieren?

Offen gestanden, weiß ich es nicht genau. Die Kollegen von unserer Service-Produktion, die wirklich sehr effektiv gearbeitet haben, erzählten uns, dass sie das Buch manchmal vorlegen mussten, hin und wieder aber erhielten wir Drehgenehmigungen über andere Kanäle. Zwei Drehorte in Kiew bekamen wir allerdings nicht, weil sie sich über Nacht um das Sechsfache verteuert hatten – aus welchen Gründen auch immer. Andererseits waren die Leute dort oft extrem zuvorkommend. So durften wir mitten in der Rush-Hour in der Metro drehen, wo normalerweise höchste Sicherheitsvorkehrungen herrschen. Außerdem drehten wir an einem Samstagnachmittag eine riesige Demonstration, bei der russische Spezialeinheiten Demonstranten zusammenknüppeln - 200 Meter von der russischen Botschaft entfernt! Wir durften auch die Polizeiakademie der Ukraine in Kiew mit riesigen russischen Bannern versehen und ins Justizministerium verwandeln. Es gibt in Kiew überall Ecken, die Moskau total entsprechen. Viele Gebäude und Gebäudekomplexe wurden 1:1 nachgebaut, nur eben eine Nummer kleiner als in Moskau. Auch die Anlage der Boulevards, die Kaufhallen, die Markthallen, die sozialistische Zuckerbäckerarchitektur – alles sieht aus wie in Moskau... einfach wunderbar!

Wie kam die Besetzung zustande?

Besetzt haben Nessie Nesslauer und Nina Haun. Was die großen Nebenrollen angeht, hatten wir sehr schnell genaue Vorstellungen, wer wen spielen sollte. Zum Beispiel Rade Serbedzija, Mark Ivanir oder Grigori Dobrygin, der bei der letzten Berlinale den Silbernen Bären gewonnen hatte.

Und wie fanden Sie Ihre Hauptdarstellerin?

Wir haben in USA, London, Moskau und Kiew gecastet. Kasia Smutniak hatte ich tatsächlich schon für die frühe italienische Variante der Geschichte im Kopf. Als das Projekt aktuell wurde, kam sie wieder auf den Tisch. Später erfuhr ich, dass ihr Vater Soldat war und sie als Kind jahrelang in der Sowjetunion lebte und deshalb nicht nur fließend Russisch spricht, sondern auch die Mentalität der Menschen dort kennt. Das war natürlich perfekt.

In welcher Sprache wurde gedreht?

Auf Englisch. Moritz spricht akzentfreies Englisch – wenn man von ihm einen deutschen Einschlag haben will, muss man das wirklich mit ihm trainieren. Die russischen Figuren sprechen untereinander Russisch, und alle anderen sprechen Englisch miteinander. Die größte Herausforderung hat wohl Max Riemelt zu bewältigen, der ja Deutscher ist, aber als Russe besetzt wurde – wenn er Englisch spricht, muss er das natürlich mit russischem Akzent tun! Auf Englisch zu drehen (es ist mein erstes Mal), bedeutet auf jeden Fall mehr Aufwand. Man brütet über den Texten, arbeitet mit Übersetzern – wir haben einen russischen und englischen Dolmetscher am Set, und es ist so, dass wir jeden Abend komplett alles proben, alle Texte durchgehen. Wenn wir fertig geprobt haben, holen wir den russischen und den englischen Dialogcoach dazu, die hören sich alles an, und dann wird gefeilt. Dann lassen wir es sacken, und am nächsten Morgen wird gedreht.

Für Alfred Hitchcock war die Vorbereitung eines Films die interessanteste Phase, das Drehen an sich mochte er weniger. Wie ist das bei Ihnen?


Sich eine Story auszudenken und dann ein Drehbuch zu schreiben, ist vom Schaffensprozess her das Kreativste. Die Dreharbeiten machen mir schon Spaß, aber es ist oft so, dass man wenig Zeit hat und unter Druck steht – und dann kann man die Arbeit am Set gar nicht richtig genießen. Andererseits wird während des Drehs das, was bis dahin nur Theorie war und im Drehbuch tausend Mal geändert wurde, endlich greifbar. Und entweder wird es für immer gut sein, oder man trifft knapp daneben! Drehen bedeutet, permanent Kompromisse zu schließen, aber nicht alle Kompromisse müssen schlecht sein. Ich habe schon oft erlebt, dass gerade durch die Beschränkung der Mittel manche Dinge richtig intensiv wurden. Nur ein Beispiel von diesem Film: Eine Folterszene mit Mark Ivanir mussten wir innerhalb von 20 Minuten im Kasten haben, weil drei Stunden später sein Flugzeug ging. Wir hatten einen langen Drehtag hinter uns, und im Grunde war es schier unmöglich, aber dann drehten wir mit zwei Kameras und alles lief wie am Schnürchen! Durch diese Now-or-never-Stimmung – Mark hatte genau zwei Takes – wurde es eine der besten Szenen.

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