Interview mit Anna Loos & Jan Josef Liefers

Frau Loos, Herr Liefers, in diesem Film spielen Sie ein Paar vor dem Hintergrund der einschneidenden Ereignisse, die zu Hitlers Machtergreifung führten. War es eine große Herausforderung für Sie, diesen Wendepunkt in der deutschen Geschichte aus der Perspektive zweier Liebenden zu transportieren?
Anna Loos: Wir leben im 21. Jahrhundert. Heute wissen wir, was damals geschah und kennen den Verlauf der Geschichte. Die Figuren, die wir spielen, leben aber ohne dieses Wissen. Und es gab oft Momente, in denen man sich genau das vor Augen halten musste.
Jan Josef Liefers: Die Liebesgeschichte wirkt vertraut auf uns; die Umstände, die sie begleiten, kann man sich kaum noch vorstellen. Jede Ideologie profiliert sich dadurch, dass sie andere ausgrenzt. Ideologien brauchen Feindbilder, um zu wachsen. Und eine gewisse Denkfaulheit bei ihren Anhängern. Ideologie verkehrt unsere eigentlichen Interessen in ihr Gegenteil. Die Herausforderung war, ohne Vorwürfe und Schuldzuweisungen auszukommen, und trotzdem auf emotionale wie rationale Art klarzumachen, dass Nationalismus, Faschismus, Rassismus, egal wann und wo auf der Welt, in unser gemeinsames Unglück führen. Da kann nichts Gutes draus entstehen. Gandhi sagte es so: „Was man mit Gewalt nimmt, kann man nur mit Gewalt behalten.“

Friedemann Fromm illustriert an Ihren gegensätzlichen Figuren die damalige Gesellschaft – ist ein (filmischer) Kunstgriff aus
Ihrer Sicht eine gute Möglichkeit, Geschichte zu erzählen?

A.L.: Ich finde schon! Mich interessieren die deutschen Verfilmungen der angeblichen Helden von damals nicht so sehr. Ich finde es geschichtsbezogen fragwürdig, was da manchmal so behauptet wird. Wir haben uns entschieden, keine Helden künstlich zu erschaffen. Die Menschen, die damals in Deutschland lebten, sind genauso wie auch die Menschen, die heute hier leben, der Spiegel dieser Gesellschaft und es gibt wohl kein klareres Bild als diesen Spiegel.
J.J.L.: Mir gefiel, dass der Reichstagsbrand und seine Umstände nicht mit erhobenem Zeigefinger abgearbeitet werden, sondern wie zufällig die Kulisse für eine zum Scheitern verurteilte Liebesgeschichte bieten. Hier kollidieren die zwei ältesten Lieblingsbeschäftigungen der Menschheit: Lieben und Töten. Der Film zeigt es, ohne dem Zuschauer die Oberlehrer-Geschichtskeule auf den Kopf zu hauen.

Worin lag für Sie der Reiz an diesem außergewöhnlichen Projekt?
A.L.: Historisch zu drehen hat immer einen besonderen Zauber, da man sich in eine Zeit hineinversetzen muss, die man nicht erlebt hat, und das muss man gut vorbereiten. Mit Jan Josef Liefers, Jürgen Tarrach, Sven Lehmann und Marie Gruber hatte ich vier wirklich sehr starke Spielpartner an meiner Seite. Und mit Friedemann Fromm einen wunderbaren Regisseur.
J.J.L.: Dem stimme ich zu und würde dazu noch Franz Dinda hervorheben wollen, der meinen Bruder Edwin spielt. Dazu kommt, dass unser Produzententeam ein enormes Paket zu schultern hatte. Alle haben sich mächtig reingehängt, anders wäre es nicht möglich gewesen. Das schweißt zusammen.

Frau Loos, was hat Ihnen an der aus konservativen, wohlhabenden Kreisen stammenden Henny Dallgow gefallen?
Wir haben sehr viele Gemeinsamkeiten. Mir hat ihre Sehnsucht nach Freiheit gefallen und diese Ehrlichkeit, auf die Henny immer besteht. Ich denke, wenn sie als alte Frau ihren Enkeln von der Zeit damals erzählt, wird sie nichts beschönigen.

Herr Liefers, was hat Sie besonders an der Rolle des jüdischen Arztes und gemäßigten SPD-Abgeordneten Albert Goldmann angesprochen?

Er fühlt sich nicht als Jude, sondern als Deutscher. Er ist nicht religiös, war nie in einer Synagoge. Er hat für Deutschland im Ersten Weltkrieg gekämpft, er hat bei einem Polizeieinsatz in Hamburg seinen Sohn verloren. Seitdem lehnt er jegliche Gewalt aus tiefster Überzeugung ab. Zum Juden wird er erst durch die Nazis gemacht. Er vertritt alle Positionen des gesunden Menschenverstandes und scheitert an einer Gesellschaft, die zunehmend ihr Hirn und ihr Herz ausschaltet, um einen Wahnsinnigen in den Untergang zu begleiten.

Wie war es für Sie, in eine Art Zeitreise einzutauchen und auf welche Weise haben Sie sich vorbereitet?
A.L.: Ich habe mich etwas in die Zeit eingelesen und ein paar Bücher gewälzt, daneben habe ich einige tolle Filmdokumente von Friedemann bekommen und viel Musik gehört – ich spiele ja im Film auch eine Sängerin. Und das, was mir am meisten Spaß gemacht hat, war das Fahren eines alten Motorrades zu lernen. Ich habe zwar einen Motorradführerschein, aber eine Maschine von 1928 zu fahren, bei der sowohl das Gas als auch die Schaltung mit der rechten Hand betätigt werden, ist schon etwas anderes.
J.J.L.: Ja, es dauert ein bisschen, bis man sich in so eine Zeit hineindenken und -fühlen kann. Vieles ist für unsere Generation kaum vorstellbar und gehört doch zu unserer jüngsten Geschichte. Die wird sogar wieder zur dumpfen Gegenwart in all den Zeitgenossen, die in rechten Parolen, Rassismus und Nationalismus schnelle Antworten suchen.

Inwieweit schafft man es als Schauspieler, eine Distanz am Set herzustellen, wo die extreme, aufgewühlte Stimmung der
damaligen Zeit authentisch nachgestellt wird?

A.L.: Ich kann nicht kurz vor der Klappe noch eine SMS schreiben oder einen Witz erzählen. Ich nehme die Kulisse und die Kollegen, die Komparsen und die Situationen, in denen ich mich befinde, und versuche mir vorzustellen: Das alles ist Wirklichkeit. Daher bin ich auf all diese Dinge und ein konzentriertes Filmteam angewiesen. Wenn man dreht, darf es keine Distanz geben; die kommt erst nach Drehschluss und da hilft die Familie. Nichts kann einen so gut erden wie zwei lebhafte Kinder.
J.J.L.: Also, am Set brauchst du keine Distanz. Da musst du eher voll einsteigen. Dass man nicht total die Kontrolle verliert in der Szene und sich oder andere physisch gefährdet, gehört zur Professionalität. Ansonsten hab ich beim Spielen nicht mehr Distanz, als ich im richtigen Leben hätte, wenn ich in der Situation der Szene wäre

 

Welche Szene hat Sie während der Dreharbeiten besonders
berührt?

A.L.: Als ich von Jan Josef, aufgebahrt als Leichnam, Abschied nehmen musste, das war wirklich hart.
J.J.L.: Wenn Albert Goldmann am Schluss von der SA gefoltert wird, macht der Schmerz ihm irgendwann nichts mehr aus, denn er denkt an die Frau, die er liebt und an sein ungeborenes Kind. Und er lächelt, während die Schläge auf ihn einprasseln und überall das Blut aus ihm herausläuft. Erst hatte ich Angst, das könnte bisschen kitschig sein, aber als wir die Szene drehten, wurde mir klar, dass viele, die in Kriegen oder durch Terror und Tyrannei sinnlos ums Leben kamen, mit diesem letzten Gedanken gestorben sind. Die Liebe ist das, was am Ende bleibt.

Haben Sie sich den Stoff bzw. Szenen gemeinsam oder getrennt erarbeitet?

A.L.: Beides, unsere gemeinsamen Szenen haben wir natürlich zusammen vorbereitet.
J.J.L.: Alles geht besser, wenn man es zusammen macht. Man spielt sich die Bälle hin und her und einer inspiriert den anderen. Ein klarer Vorteil, wenn man zusammenlebt.

Frau Loos, Sie sind nicht nur Schauspielerin, sondern auch Sängerin. Mit Ihrer Band „Silly“ feiern Sie große Erfolge. Wie war für Sie als Sängerin, die Lieder aus dieser Zeit musikalisch zu interpretieren?

Das war toll, am Anfang etwas ungewohnt, denn dies ist schon was anderes als Rockmusik. Mit den Musikern vom Palastorchester habe ich mich richtig wohl gefühlt. Die haben nicht nur tolle Songs geschrieben, sondern sind wie ein kleiner Atem aus dieser Zeit. Die Zusammenarbeit war eine wirkliche Freude.

Auch Sie, Herr Liefers, sind Musiker. Machen Sie manchmal gemeinsam Musik?
Wir haben schon beide als Gast mit der Band des anderen gespielt und gesungen und sogar den Silly-Song ERINNERT als Duett aufgenommen. Das haben wir dann in einer der letzten „Wetten dass...?“-Sendungen mit Thomas Gottschalk live gespielt. Die Arbeit mit Musikern ist ganz anders, als Filme zu drehen. Eigentlich leben wir in drei Familien: in unserer privaten, in der Musikfamilie und der Filmfamilie.


Links:
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Statement der Produzentin Cornelia Wecker

 

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