Interview mit Bernadette Heerwagen

München 72 – Das Attentatverknüpft ein tragisches Kapitel deutscher Geschichte mit den Erlebnissen der aus Essen kommenden jungen Polizistin Anna Gerbers (Bernadette Heerwagen). Sie gehört zu den rund 4.000 Polizisten, die während der Spiele im Olympischen Dorf ihren Dienst leisten.

Von der realen "Anna Gerbers", der Polizeibeamtin Anneliese Graes, ist nur wenig bekannt. Sie hat sich kaum zu den Geschehnissen geäußert. Was wissen Sie über Ihre Figur?

Ich habe viel recherchiert und leider nur einen einzigen Artikel gefunden, in dem sie erwähnt wurde: "Eine Viertelstunde vor Ablauf des ersten Ultimatums schickt die Polizei die Beamtin Anneliese Graes vor. Sie soll herausfinden, ob die Geiselnehmer bereit sind, mit einer Funktionärsdelegation zu sprechen. Die palästinensischen Terroristen zeigen sich immer wieder auf dem Balkon oder vor der Tür der israelischen Mannschaftsunterkunft. ´Was soll dieser Unsinn?´, fragt Graes den Anführer Issa. Er hat sein Gesicht mit Schuhcreme geschwärzt, trägt einen Leinenanzug und einen weißen Hut. Angst vor Issa habe sie nicht gehabt, sagt Graes: ´Er war zu mir stets höflich und korrekt.´ Issa ist bereit, mit einer Delegation zu sprechen." Das hat mir den Hinweis gegeben, dass ich keine angsterfüllte Frau spielen werde, was man im ersten Moment denken könnte, sondern eine Frau, die zwar Respekt vor der Situation hat, aber einfach ihre Polizeiarbeit macht. Ansonsten habe ich viel Dokumaterial über das Ereignis gesehen – beobachtet, wie sie aussieht, wie sie sich bewegt. Ich habe versucht, ihre Körpersprache, ihre Gesten zu übernehmen. Leider ist Anneliese Graes wohl vor einiger Zeit verstorben, so dass ich sie selber nicht mehr zu den Geschehnissen befragen konnte. Wirklich unglaublich, dass nicht mehr über diese Frau berichtet wurde, die das zentrale Bindeglied zwischen den Terroristen auf der einen und der Delegation der Polizei und Politik auf der anderen Seite war. Ich hoffe, dass ich Anneliese Graes endlich eine Stimme geben konnte, die ihr zudem im besten Fall gerecht wird.

Der Film zeigt ein differenziertes Bild des hochkomplexen Konflikts zwischen Israel und Palästina. Haben Sie durch den Dreh neue Erkenntnisse über die politische Auseinandersetzung der beiden Länder gewonnen?

Neue Erkenntnisse? Nein. Das ist ein hochkomplexer Konflikt. Damals wie heute. Das war mir bereits vor den Dreharbeiten klar. Wir versuchen,
uns mit dem Film nicht auf eine Seite zu stellen, sondern den Vorgang von damals abzubilden. Interpretieren werden ihn andere.

Mit einer futuristischen Architektur, modernen Piktogrammen und Uniformen von Courrèges war das visuelle Erscheinungsbild der Spiele zukunftsweisend. Entsprechend aufwändig war die Ausstattung des Films. Haben Szenenbild, Kostüm und Maske Ihnen geholfen, sich in die Zeit und die Stimmung von 1972 hineinzuversetzen?

Es war jeden Drehtag aufs Neue fast unheimlich. Man sieht die Dokumentationen, kennt jedes Detail, und plötzlich steht man selbst mittendrin, vor dem Originalschauplatz in der Connollystraße – in der Uniform einer "Olytesse", wie man sie damals nannte, hält dieses alte, übergroße Funkgerät in der Hand und verhandelt mit einem "Terroristen". Da kann man gar nicht außen vor bleiben, man wird förmlich hineingesogen in das Geschehen. So sehr, dass ich es nicht wagte, in das Haus in der Connollystraße hineinzugehen. Ich habe die Originalwohnung nie betreten.

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