Götz George über seinen Vater Heinrich

Ein Sohn spielt seinen Vater – das ist sicherlich eine schwierige, eine heikle Aufgabe. In Ihrem Fall aber handelt es sich bei dem Vater um einen Jahrhundertschauspieler und um eine sehr facettenreiche Persönlichkeit. Wie haben Sie sich auf diese Aufgabe vorbereitet? Und wie geht man damit um, dass die Rolle, die man verkörpern soll, Teil des eigenen Lebens ist?

Man darf bei einer solchen Aufgabe keine persönlichen Befindlichkeiten an sich ran lassen. Man muss eine solche übermächtige, persönlich verwobene Figur, wie Heinrich George es war, so wertneutral angehen, wie alle anderen Charaktere, die man im Laufe seines Lebens gespielt hat. Jedes noch so kleine, eigene Gefühl wird dann ganz schnell zu einer sentimentalen Soße, was fürchterlich wäre. Und damit würde man Heinrich George beschädigen.

Eigentlich wollten Sie nie einen Film über Ihren Vater machen. Bis Joachim Lang Ihnen sein Drehbuch und sein Konzept vorgestellt hat. Was hat Sie dazu bewogen, sich auf dieses Abenteuer dann doch einzulassen? Was hat Sie von Langs Zugang und Perspektive auf Ihren Vater so überzeugt?

Die dramaturgische Aufarbeitung von Joachim Lang und Kai Hafemeister war in dieser Kurzform nachvollziehbar und überzeugend für mich. Alle anderen vorangegangenen Versuche sind an Ungenauigkeiten und fiktiven Überspitzungen der Figur George gescheitert.

Entstanden ist ein Doku-Drama aus dokumentarischen Archiv-Aufnahmen, Spielszenen, Interviews mit ehemaligen Weggefährten Ihres Vaters und Interviews mit Ihnen und Ihrem Bruder Jan – warum erschien Ihnen diese Mischung als die geeignetste Form, sich dem Menschen und Schauspieler Heinrich George zu nähern?


Wenn man ein so überbordendes, gewaltiges Leben erzählen will, und vom Sender nur eine gewisse Zeit zur Verfügung gestellt bekommt, dann muss man sich etwas einfallen lassen. Und diese Form der Erzählung verkürzt, macht anschaulich und lässt eine solche Figur halbwegs verständlich in ihrem Tun und Lassen erscheinen.

Der Dichter Gerhart Hauptmann hat George als „eine Urkraft auf der deutschen Bühne“ beschrieben. Was war Ihrer Meinung nach das Einmalige, Fesselnde und Faszinierende an Heinrich Georges Spiel? Und wie vermittelt man das den Zuschauern heute, denen die Ausdrucksmittel, die große Rhetorik und das elementare Pathos Ihres Vaters heute eher fremd sind?


Man muss diese wunderbare Einschätzung der damaligen, großen Weggefährten von George leider beiseitelassen. Es gibt heute kaum noch lebende Zeitgenossen, die ihn auf der Bühne gesehen haben. Man könnte heute auch schwer nachvollziehen, dass das Theater damals als „moralische Anstalt“, als „Schule der Sitten und praktischen Weisheit“ im Schiller‘schen Sinne galt. Denn die Ansprüche der damaligen hochkünstlerischen Zeit gelten heute nicht mehr. In dieser idealistischen Lebensart des Theaters bin ich erzogen worden und merke immer mehr, dass um mich herum ein anderes, oberflächliches Laptopgesteuertes Leben stattfindet. Wir leben in einer leeren Zeit. Das geschriebene Wort hat keine Gültigkeit mehr und verliert sich in Kurzformen – in einem elektronischen Wirrwarr ohne Gefühlsbewusstsein. Also bin ich im Laufe meines Älterwerdens in einen Zustand verfallen, der sich das ganze aufgeregte Treiben von außen anschaut und trotzdem versucht, glückliche Momente zu empfinden.

Ihr Vater hat sich immer darauf berufen „nur“ Schauspieler zu sein, spielen zu wollen. Aber die Ereignisse in Deutschland seit den 30er Jahren haben ihn – sicher wider Willen – zu einem politischen Künstler gemacht. Wie sehen Sie persönlich heute das Thema der Mitverantwortlichkeit? Kann man als Künstler „unpolitisch“ sein?

Mein Vater hatte das Unglück, in eine Zeit geworfen zu werden, in der nicht nur sein großes Können gefragt war, er musste dem Kompromiss den Vorrang einräumen. Seine Kunst wurde ausgestellt und er musste sich ausstellen lassen. Er wurde benutzt und er ließ sich benutzen. Ein Vorgang, der nur zu beurteilen ist, wenn man in einer so totalitären Zeit gelebt hat. Sein Spieltrieb und seine Naivität waren größer als die drohende Gefahr, die hinter ihm lauerte, die er aber nicht erkennen wollte. Sein früher Tod zeugt von einem Ungleichgewicht in seinem Leben.

In seinen Leitsätzen für den Nachwuchs schreibt Heinrich George: „Keiner kennt sich selbst so wie der Schauspieler, denn er spiegelt sich selbst täglich so intensiv in anderen Menschen, dass er sich täglich Rechenschaft ablegen muss.“ Wie gut hat sich Ihrer Meinung nach Ihr Vater selbst gekannt?


Ich wage zu behaupten, dass sich die Mehrheit aller Menschen diametral anders einschätzt, als sie auf die Umwelt wirkt. Leitsätze sind schnell geschrieben, aber die Quintessenz ist immer eine andere. Nach diesem sehr populären Leitsatz hätte sich mein Vater viel früher selbst erkennen müssen. Und er hätte zweifelsohne dann auch anders gehandelt. Was bleibt, ist etwas Einzigartiges in der darstellenden Kunst.

Die Verhörszene und die Szenen in den beiden Lagern bekommen, was den Anteil der Spielszenen in diesem Doku-Drama insgesamt betrifft, einen breiten Raum. Warum war Ihnen das so wichtig?

Weil auch hier eine Kurzform des Erzählens gefordert wird. Man kann nur so verständlich machen, warum ein Mensch so und nicht anders gehandelt hat. Seine politischen und menschlichen Beweggründe konnten wir nur in dieser kurzen Zeitspanne wiedergeben. Aber es war für alle an dem Projekt Beteiligten wichtig, ihm diesen Raum der Anklage und der Verteidigung zu geben.

In den Momenten, die Sie und Ihren Bruder Jan während Ihrer Besuche etwa im ehemaligen KZ Sachsenhausen oder in Ihrem Elternhaus zeigen, und auch in den Interviews sind Sie beide überraschend offen – wie wichtig war Ihnen diese Reflektionsebene?

Wie sollen sich Söhne, die ihren Vater geliebt haben, anders verhalten? Man kann nur offen und ehrlich mit Heinrich George umgehen, sonst würde man ihn beschädigen. Das Projekt soll ihn nicht rehabilitieren. Das wurde er schon 1998, offiziell von Russland. Der Film soll diese großartige Figur nur etwas transparenter, verständlicher machen.

Inwieweit haben Sie und Ihr Bruder Jan an dem Drehbuch mitgewirkt?

Wir haben uns immer wieder getroffen mit Autor und Regisseur, um Dinge klarer, wahrhaftiger und genauer zu beschreiben. Jedes Detail, das in diesem Film behauptet wird, ist genauestens recherchiert.

Nachdem Sie das Leben Ihres Vaters im Spiel sozusagen noch einmal „durchlebt“ haben, gibt es bestimmte Schlüsselmomente in seinem Leben, wo Sie sagen: Da hätte er sich anders entscheiden können bzw. sollen?

Es wäre vermessen von mir, sich in sein Leben einzumischen und ihm Ratschläge zu geben. Einem so komplexen Menschen schaut man mit offenem Mund zu und versucht, zu verstehen: Was will er uns oder seinen Mitmenschen sagen? Er hat sich entschieden, so zu leben, wie er es getan hat. Und er hätte sich jegliche noch so gut gemeinte Beeinflussung – gar Bevormundung verbeten. Das Regime hat es versucht und ist gescheitert. Er hat sein Schicksal auf sich genommen, ohne sich zu verstecken und sich zu rechtfertigen. Und er hat mit Sicherheit gespürt, dass er nicht überleben wird.

Der Film räumt den letzten eineinhalb Leidensjahren Ihres Vaters in den Internierungslagern von Hohenschönhausen und Sachsenhausen großen Raum ein. Welche Bedeutung haben diese Jahre in Ihren Augen für ein Gesamtbild Ihres Vaters?

Es gibt für einen so lebensbejahenden und exzessiv lebenden Menschen kein größeres Unglück, als so unspektakulär ausgelöscht zu werden. Alles, was er erreicht hat mit seiner unendlich großen Fantasie, seinem Humor, seiner Großzügigkeit, seiner Zivilcourage und seiner so über alle Maßen großen Begabung. All das verstummt in einer Hieronymus Boschschen Vorhölle, einem Furcht einflößenden Verließ irgendwo im Nirgendwo. Ich finde es schändlich.

Hatten Sie Einfluss auf die Wahl Ihrer Schauspielerkollegen wie etwa Burghart Klaußner, Martin Wuttke, Samuel Finzi, Hanns Zischler, Muriel Baumeister? Spielte für Sie die Besetzung bei diesem Projekt eine besonders große Rolle?

Meines Vaters Wunsch war es stets, nur mit den Besten seines Fachs auf der Bühne und vor der Kamera zu stehen. Weil nur so große darstellerische Kunst entstehen kann. Warum sollte es sein Sohn ihm nicht gleich tun? Nur so kann man halbwegs die damalige Zeit nachvollziehen, wenn die Besten der heutigen Zeit Schützenhilfe leisten. Ich habe selten ein kollegialeres, freundschaftlicheres Entgegenkommen erfahren als von Wuttke, Finzi, Zischler, Baumeister, Klaußner, Thieme etc. Und ich war ihnen zutiefst dankbar.

Nachdem der Film nun abgeschlossen vorliegt, hat sich Ihre Sichtweise auf Ihren Vater verändert?


Ab einem bestimmten Alter hatte ich begriffen, dass es mir erlaubt ist zu denken, Entschlüsse zu fassen und eigenständig zu handeln. Mein Gefühl für einen großen Schauspieler und Menschen, wie es Vater war, formte sich aus Erzählungen der Mutter, der Familienfreunde, der Literatur und der gesehenen Filme. Dieses verinnerlichte Gefühl habe ich versucht, ohne Sentimentalität in diese Arbeit einzubringen. Hätte sich mein Bild von ihm oder die Sichtweise verändert, hätte ich zweifellos eine andere Figur als Heinrich George gespielt.

„Die Bestandsaufnahme (des eigenen Schaffens) wird schwer fallen vor dem Alten“, sagen Sie im Film. Sie tragen den Vornamen der Paraderolle Ihres Vaters: Götz von Berlichingen. Wer war Heinrich George für Sie selbst? Das große Vorbild? Ein übermächtiger Vater? Ansporn oder Belastung in der eigenen künstlerischen Entwicklung?


Mein Vater war von Anbeginn meines Lebens, gerade weil ich ihn nur bis zum siebten Lebensjahr erleben durfte, Vorbild, Freund und künstlerischer Ansporn. Es war nie das so oft heraufbeschworene Damokles-Schwert, das über dem kleinen Götz hängt und ihn zu erschlagen droht. Die Namensgebung war bestimmt eine zutiefst zärtliche, innere Verbindung zu seinem kleinen, eigenwilligen Sohn.


Link:
Mehr zum Film "George"
Leben und Wirken von Heinrich George


Spotlights Übersicht zurück

Meistgelesene Artikel


Drehstart für "Nachtschwestern"

Die Dreharbeiten zur neuen Medical-Serie "Nachtschwestern" von UFA SERIAL DRAMA haben in Berlin und Köln begonnen.

mehr

10 Jahre UFA Nachwuchscasting

Das UFA Nachwuchscasting feiert in diesem Jahr Zehnjähriges!

mehr

First Steps Awards 2018

Der wichtigste und höchst dotierte deutsche Nachwuchspreis First Steps wurde zum 19. Mal in Berlin verliehen.

mehr