Florian David Fitz über sein Regie-Debüt "Jesus liebt mich"

Am 7. August wird "Jesus liebt mich" das erste Mal im Free-TV (20.15 Uhr im ZDF) ausgestrahlt. Florian David Fitz übernimmt nicht nur eine Hauptrolle, sondern inszenierte auch selbst sein Drehbuch nach Motiven des Romans „Jesus liebt mich“. In einem Interview erzählt er, was ihn an diesem Projekt reizte und auch was ihn bewegte das erste Mal die Regie zu übernehmen.


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INTERVIEW MIT FLORIAN DAVID FITZ (Regie, Drehbuch, Hauptdarsteller)


Wie ist das Projekt entstanden? Was hat Sie daran gereizt?

Ich kam zu diesem Projekt ursprünglich als Schauspieler, wurde also Stück für Stück in diesen Stoff hineingesogen. Ich finde den Stoff seltsam und urkomisch und freue mich auch über einige versteckte philosophische Gedanken. Außerdem ist das mal wirklich eine Geschichte, die man so noch nie gesehen hat. Und danach schreien wir doch immer alle.

Ihr Drehbuch orientiert sich an den Motiven des Romans. Wie beschreiben Sie das Verhältnis zwischen der Vorlage und der Freiheit des Filmemachers? Was haben Sie verändert?

Ein Film – und das ist natürlich fast schon eine Plattitüde – ist einfach ein gänzlich anderes Medium, welches über Bilder funktioniert und einen dramaturgischen Spannungsbogen in jeder Figur benötigt. In einem Roman gucke ich der Hauptfigur in den Kopf und habe ganz andere Möglichkeiten. Das geht im Film logischerweise nur bedingt. Also muss man für innere Zustände und Gefühle Bilder finden, nicht Worte. Da muss man sich irgendwann auf den Kern der Geschichte konzentrieren und versuchen, das Destillat im neuen Medium auf die Leinwand zu bringen. Im Umkehrschluss funktioniert ein Drehbuch lediglich gelesen natürlich auch nur sehr bedingt. Es ist eben eine Partitur für einen Film.

Hat Romanautor David Safier das Filmprojekt unterstützt? Hat er den fertigen Film kommentiert?
David hat neulich den fertigen Film gesehen und freut sich sehr.

Sie haben eine romantische Komödie gedreht, in der die Zuschauer vertraute religiöse Motive wiedererkennen. Wie erleben Sie als Filmemacher die Gratwanderung zwischen einer Ironisierung des Vertrauten einerseits, die andererseits nicht in Respektlosigkeit abdriften soll?

Tja, das bleibt ein spannendes Thema. Ich verlasse mich, wie bei „Vincent will Meer“, auf einen sehr simplen Punkt: Wenn man die Nöte der Figuren ernst nimmt, kann man sie in die komischsten und schrecklichsten Konflikte stürzen, ohne sie zu diskriminieren. Und was die Religion angeht: Klar wirft man auch einen kritischen Blick auf jahrtausendelang eingeübte Bräuche, aber im Kern geht es ja bei Religion immer um ein gutes Miteinander im Kleinen und im Großen. Das ist eine Botschaft, die ich sehr gern übernehme.

Worin besteht die Komik in „Jesus liebt mich“?
Na ja, wenn eine moderne junge agnostische Frau sich, ohne es zu wissen, in Jesus verliebt, Stück für Stück dieser Realität entgegenstolpert und am Ende Erzengeln und Teufeln die Stirn bieten muss, bietet sich schon der ein oder andere Moment der Komik.

Die Fallhöhe zwischen Maries Wahrnehmung ihrer Umwelt und den buchstäblich unfassbaren Dimensionen ihres Abenteuers ist tatsächlich beträchtlich. Da das Ergebnis aus einem Guss ist – wie bringen Sie das zusammen? Ist das eine Frage des Erzählstils? Der Schauspielerführung?
Puh, das ist eine gute Frage. Ich glaube, das Geheimnis ist, die Sache ganz simpel so zu erzählen, wie es Marie widerfährt. Ich meine, unsere Hauptfigur ist ja genauso platt wie wir, über alles was ihr da widerfährt. Die goldene Regel ist doch, auch wenn es verrückt wird: Man muss sich das mal wirklich vorstellen. Was würden wir denn tun? Das ist ja auch der Spaß an dem Film.

Was hat Sie bewogen, erstmals die Regie zu übernehmen?
Nico Hofmann hat mich gefragt, ob ich das Drehbuch, wie es am Ende stand, verfilmen möchte. Ich hatte große Ängste, folgte aber seinem Rat, einfach auf mein Gefühl zu hören: Habe ich Lust auf den Stoff, oder nicht? Und ich hatte große Lust.

Was bedeutet es für Sie als Schauspieler, Jesus zu verkörpern?
Ich versuche, mich nicht verrückt zu machen. Ich habe nach einem Konflikt für die Figur gesucht und habe ihn gefunden: den Konflikt, eigentlich ein Mensch zu sein und sich nach Menschlichem zu sehnen, aber notwendigerweise auch eine Ikone, bei der das private Glück keine Rolle spielen darf.

Da Sie ja Kollege der Darsteller sind – fällt es Ihnen dadurch leichter oder schwerer, hinter die Kamera zu treten und ihnen Anweisungen zu geben?

Ich glaube, es erleichtert mir die Arbeit enorm, was die Kommunikation angeht. Man hat eine gemeinsame Sprache und weiß, was schwierig ist, aber auch was möglich ist. Wichtig war, dass mir selbst die erfahrensten Hasen unter den Kollegen vertraut haben. Das war schnell klar und das ehrt mich.

Wie ist es Ihnen gelungen, so hochkarätige Schauspieler wie Henry Hübchen, Hannelore Elsner, Nicholas Ofczarek und Michael Gwisdek für das Projekt zu gewinnen?
Na, ich glaube, ihnen haben die Rollen gefallen. Sie haben sehr lustige und auch menschlich anrührende Sachen zu spielen.

Mit einigen Kollegen wie Peter Prager und Johannes Allmayer haben Sie bereits erfolgreich zusammengearbeitet. Wie wichtig ist Ihnen die Vertrautheit im Team?
Mein größter Anker ist die Produzentin Steffi Ackermann, die schon bei „Doctor’s Diary“ meine Produzentin war. Es ist sehr viel leichter, wenn man schon ein paar Konflikte hinter sich hat und den anderen in Geschmacksfragen kennt und vertraut. Sonst kann sehr viel Zunder für kommunikative Annäherung draufgehen. Wir müssen keine Egos mehr abstecken.

Welche Erfahrungen haben Sie am Set mit den Schauspielern gemacht?
Ich finde es erst mal spannend, mit was für einer Neugier und an Unsicherheit grenzenden Offenheit eine Hannelore Elsner und ein Henry Hübchen an ihre Rollen gegangen sind. Da wurde mir klar, dass das die Qualität ist, die sie zu dem macht, was sie in der deutschen Filmlandschaft sind. Eben nicht fertig und abgebrüht, sondern immer suchend. Das war ganz toll.
Peter Prager erfreut mich immer, wenn er zupackt. Er hat ja eine Sensibilität, bei der man das nicht erwartet. Deshalb ist immer noch einer meiner Lieblingsmomente im Film, wo Peter der Kragen platzt. Es kommt so aus dem nichts, dass ich selbst beim 300sten Mal noch lachen muss.
Palina Rojinski hat natürlich das Äußerliche, was sie für diese Rolle prädestiniert hat, aber was mich viel mehr berührt hat, ist, wie stark sie allein der Akzent verändert hat. Das macht bei ihr eine ganze Welt auf, denn sie kommt ja aus Russland. Das hatte sie in jeder Szene im Gepäck und das kann man nicht herstellen.
Nicholas Ofczarek liebt Sprache und kann wunderbar damit umgehen. Der bringt so eine Verdrängung mit ans Set, da wird Marie ganz von selber schummrig. Er ist ein entsichertes Präzisionsgewehr. Wahnsinnig spannend und klug.
Michael Gwisdek ist ja ein großartiger Komödiant. Wir haben an dem Tag sehr lange gedreht und Michael wurde immer besser. Am Ende hat er gar nichts mehr gemacht, und trotzdem hat sich alles transportiert. Das ist ja quasi das höchste Stadium, das man als Schauspieler erreichen kann.
Ja, und Jessica war für mich ein großes Glück. Sie hat sich hier auf ein Genre eingelassen, in dem sie sich nicht so zu Hause fühlte, und ist alle unsere Wege mit Mut und Chuzpe mitgegangen. Es ist ja nicht damit getan, lustig zu sein. Man muss ja dabei auch echt bleiben. Und das können nur wenige. Jessica ist so direkt und durchlässig, wie ich wenige Schauspieler kenne. Wenn sie lacht, dann lacht sie wirklich, und wenn sie weint, dann ist das nicht geschönt, sondern so, wie sie halt weint. Und das geht natürlich direkt am Gehirn vorbei ins Herz. Man sieht einfach, wenn da echte Menschen stehen.

Der idyllische ländliche/kleinstädtische Schauplatz bildet einen wunderbaren Kontrast zum gar nicht idyllischen Seelenleben der Hauptfiguren. Kann man von einem „überhöhten“ Realismus sprechen? Kommentieren Sie das Konzept für die perfekten Kamerabilder, die in Aufbau und Ausleuchtung oft an Gemälde erinnern.

Tatsächlich wollten Stefan Unterberger (Bildgestaltung) und ich sehr gern den Kontrast zwischen der modernen und etwas entzauberten Realität und einer Welt, die viel älter ist und die noch Geheimnisse hat, herausarbeiten: Caravaggio im Gegensatz zur Neonröhre in der Tankstelle. Je weiter Marie in diese religiöse Zwischenwelt verstrickt wird, desto mehr bedienen wir uns an Bildern, die wir uns irgendwo in der Kirchengeschichte abgeschaut haben. Da reicht die Bandbreite von der hohen Kunst bis zum Heiligenkitsch des späten 19. Jahrhunderts. Natürlich hat es uns auch Spaß gemacht, bekannte Bilder im Film zu verstecken. Wäre ja schade, das nicht auszunutzen.

Jesus hat im Film zwar keinen Heiligenschein, aber sein strahlend weißes Gewand ist vor allem in den Nachtszenen nicht von dieser Welt. Ist diese Wirkung in der Kamera entstanden oder helfen da Effekte nach?

Das ist Lichtsetzung und natürlich auch nachbearbeitet. Jesus hat übrigens einmal einen zufälligen Heiligenschein. Den muss man aber finden.

(Un)Auffällig ist der Einsatz der visuellen Effekte, die am Anfang gar nicht als solche wahrnehmbar sind (die „dressierten“ Fliegen), aber auch später bei den übernatürlichen Sequenzen für völlig überzeugenden Fotorealismus sorgen. Was bedeutet das in Bezug auf Ihre Regiearbeit? Wie weit mussten Sie mit den Effekte-Spezialisten schon vor dem Dreh zusammenarbeiten? Wie weit waren zum Beispiel Greenscreen-Aufnahmen erforderlich?
Klar, wenn dann die Welt untergeht, da muss dann schon der ein oder andere Effekt her. Wir haben uns auch da an Gemälden vom Jüngsten Tag orientiert. Denis Behnke, unser VFX Supervisor, wie es so schön denglisch heißt, war immer vor Ort, wenn es Effektschüsse gab. Und klar, da wurden Greenscreens aufgespannt. Für ein Making-of wäre es sehr unterhaltsam, die Effektschüsse vor der Bearbeitung zu zeigen. Da steht dann beim Weltuntergang schon mal ein Teammitglied im Hintergrund und kaut an einer Wurstsemmel.

In der Postproduktion hat sich dann Pixomondo die Nächte an den Computern um die Ohren geschlagen, um die Wurstsemmel und die Greenscreen in so ein beängstigendes Weltuntergangsszenario zu verwandeln.
Welche Schauplätze haben Sie ausgewählt?

Florian David Fitz: Wir haben in Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg gedreht, weil wir dort gefördert wurden. Das Ganze fügt sich aber sehr schön, weil wir ja aus einer sehr heutigen, etwas banalen Welt mehr und mehr in eine mythische Welt gesogen werden. Dafür haben wir, beziehungsweise besonders der Szenenbildner Christian Eisele, großartige Motive gefunden. Gabriels Kirche war ein Glücksfall, nach dem wir lange gesucht haben. Bei Freiburg in wunderschöner Landschaft. Ich hatte nur dauernd Heuschnupfen. Die Innenszenen in Gabriels Pfarrhaus wurden in einem wunderschönen Garten voller Pfauen in Baden-Württemberg gedreht. Da müsste man auch mal außen drehen! Maries Elternhaus wurde in Nordrhein-Westfalen gefilmt und hat uns gleich sehr gefallen, da es so sehr zu den Figuren gepasst hat. Auch wenn natürlich jeder Ort von Christian Eisele noch gestaltet und verändert wurde. Die Bilder der Wiesen/Felder in den ländlichen Sequenzen entstanden in Freiburg; rund um die Kirche von Gabriel. Es war wunderschön dort. Als Ortszentrum diente eine typische deutsche Kleinstadtfußgängerzone in Bensberg. Die Seelandschaft lieferten zwei schöne bayerische Seen, der Walchensee und der Sylvensteinspeicher – wobei die Unterwasseraufnahmen in einem Sauerkrauttank beim Münchner Flughafen stattfanden. Ohne Scherz!
Die Kirchenruine ist eine wunderschöne Ruine namens Allerheiligen im Schwarzwald. Es hat drei Tage geregnet. Und es gibt dort keinen Handyempfang – für die Konzentration war das durchaus spannend, organisatorisch aber eine echte Herausforderung. Schließlich das Set mit dem langen Korridor in der Sequenz mit Gott: Das ist ein ganz tolles, marodes Theater in Belgien. Wir waren so bezaubert, dass wir extra umgeschrieben haben, um dort zu drehen.
Steffi Ackermann: Wir haben auch von allen Location Büros großartige Unterstützung erfahren und sehr davon profitiert. Die Suche nach den perfekten Orten für den Film hat uns als Team aber auch wirklich zusammengeschweißt, und wir haben gemeinsam Deutschland mehrfach ganz durchquert. Am Ende ergibt es einen erzählten Ort, der sich aus den spannendsten und schönsten Plätzen zusammenfügt. Und es gab in jedem Bundesland lustige Erlebnisse. Ob es nun ein Florian David Fitz ist, der in einer von Teenagern bevölkerten Fußgängerzone im Ruhrgebiet Aufruhr verursacht, oder die super-gutgelaunten Komparsen in Baden-Württemberg, die gar nicht mehr aufhören wollten‚ „Gottes Liebe ist so wunderbar“ zu singen. In Bayern haben wir viel Zeit an den schönsten Seen verbracht, die wirklich das ganze Team verzaubert haben.

Wie Marie (mit einiger Unterstützung) lernt, sich auf das Ende der Welt vorzubereiten, wirkt so sympathisch, dass wir Zuschauer ihr durchaus nacheifern sollten. Welche Lehre haben Sie persönlich aus dieser Geschichte gezogen?
Florian David Fitz: Tatsächlich? Keiner nimmt dir die Verantwortung ab, gut zu leben. Und keiner außer dir kann dir sagen, was das heißen soll: „gut“ leben. Die Gedanken muss man sich selber machen.


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