Cem Kaya über seinen neuen Film

Wie bist du auf die Idee zum Film gekommen?

Als Deutsch-Türke, der in den 70ern in Deutschland groß wurde und auch hier geboren ist, waren Filme die einzige Möglichkeit, türkische Kultur zu erleben. Ich bin also mit diesen Filmen aufgewachsen. Von der Idee bis zum Film habe ich ungefähr 10 Jahre gebraucht- schon meine Diplom- sowie meine Masterarbeit drehten sich theoretisch um die türkische Filmkultur der 60er und 70er Jahre, da war eine filmische Umsetzung die logische Folge.

Das Fernsehen kam in der Türkei verhältnismäßig spät auf. Erst in den 70er Jahren war die Mattscheibe in den Wohnzimmern heimisch, wohingegen das Fernsehen in Deutschland allgemein schon seit den 50ern verbreitet war. Was für einen Einfluss hatte dies auf den türkischen Zuschauer?

Die Kino-Kultur war viel ausgeprägter. Es gab sehr viele Open-Air Kinos. Die Menschen trafen sich draußen, um gemeinsam ins Kino zu gehen. Dabei muss man sich das Kinoerlebnis anders als heute vorstellen. Man brachte sich Picknicke-Körbe mit, während eine Reihe von Filmen gezeigt wurde. Es war laut wie auf einem Fest. Das Publikum fieberte mit. Die meisten Zuschauer waren arm und wenig gebildet, das hatte großen Einfluss auf die Erzählweise des Films. Die Geschichten mussten einfach sein, oft war es die Wiederholung der immer gleichen Geschichte: Die Liebesgeschichte zwischen dem armen Jungen und dem reichen Mädchen.

Ein Familienkino also, das alle Generationen ansprechen musste.

Genau. Das brachte auch einen hohen Verschleiß an Filmen und den Wunsch nach immer neuen Geschichten mit sich. Die Filmproduzenten der 60er/70er Jahre hatten einen sehr hohen Output an Filmen, das lag zum einen an der hohen Nachfrage, zum anderen aber auch am laschen Urhebergesetz. Solange die Amerikaner ihre Filme nicht in der Türkei anmeldeten, waren Bild und Musikrechte komplett frei nutzbar. Um den hohen Bedarf zu bedienen und niedrige Produktionskosten zu haben, nahm man oft die schon vorhandenen amerikanischen Geschichten. Es gab türkische Versionen von Tarzan, Dracula, dem Zauberer von Oz, Superman, Rambo oder Star Trek, um nur einige wenige zu nennen. Besonders am Ende des Jahres produzierte man viele dieser "Remakes", die am besten nichts kosten durften, weil die Produktionsfirmen steuerrechtliche Vorteile dadurch hatten. Der türkische Film genoss eine privilegierte Stellung ausländischen Filmen gegenüber. Importierte Filme waren einfach teurer.

Das Wiederverwerten von Stoffen spiegelt sich schon im Titel des Films wieder. Wovon erzählst du in deinem Film genau?

„Remake, Remix, Rip-Off“ hinterfragt das Prinzip des Originals. Die türkischen Remakes sind nicht nur Kopien, sie sind eigenständige Filme, die ein „mehr“ produzieren, das die amerikanischen Filme nicht haben. Dieses „mehr“ zeichnet sich besonders durch die Energie, die Schauspieler und Filmschaffende einsetzten, um mit geringen Mitteln möglichst große Effekte zu produzieren. Die technischen Unzulänglichkeiten wurden wettgemacht durch exzessiven körperlichen Einsatz vor und hinter der Kamera. Denn wo Luke Skywalker einmal zuschlägt, schlägt Action Star Cüneyt Arkın hundert Mal zu. Das türkische Kino der Zeit ist durch diesen Exzess und eine scheinbar nicht zu erschöpfende Improvisationskunst geprägt.

Wenn in den 70ern etwa 300 Filme produziert werden, sind es in den folgenden Jahrzenten nur Bruchteile davon. Wie kommt das?

Hauptsächlich waren die politischen Unruhen schuld aber auch der Einzug des Fernsehens: Nach den Militärputschen verlangte das Regime nach apolitischer Unterhaltung und verschärfte die Zensur. Die Unruhen der Zeit trieben die Menschen von den Kinos ins Wohnzimmer, wo sie seit Mitte der 70er Jahre auch Fernsehen hatten. Die Filmproduzenten wechselten notgedrungen vom Film zum Fernsehen. Daher hat das türkische Fernsehen auch heute noch ein riesiges Arsenal an Formaten und Serien.

Danke für das Interview!

Verpassen Sie nicht die nächste Filmvorführung von „Remake, Remix, Rip-Off“: Lola@Berlinale – 12.02.2015 um 10.00 Uhr im Zoo Palast.

Mehr Informationen über den Film erhalten Sie hier.


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