Autor im Gespräch: Homevideo

„Homevideo“ ist ihr Debüt als Autor. Wie ist die Entstehungsgeschichte?

Ich habe 2006 nach einer Geschichte gesucht mit der ich mich für die Autorenschule Hamburg bewerben wollte. „Homevideo“ ist dann in dem Jahr auf der Autorenschule entstanden und Christian Granderath, damals noch Produzent bei Teamworx, ist darauf aufmerksam geworden. Ich glaube, seine Assistentin hatte ein ziemlich euphorisches Lektorat verfasst. Ich muss ihr eines Tages noch einmal die Hand schütteln dafür.Natürlich hat das Buch dann noch viele Überarbeitungen erlebt, wurde sozusagen entrümpelt.

Der Film handelt von Cyber-Bullying, einem noch recht neuen Phänomen. Was hat Sie dazu bewogen, über dieses Thema zu schreiben?

Mobbing ist ja grundsätzlich ein altes Phänomen. Dass Menschen sich gegenseitig verspotten, fertigmachen, an den Pranger stellen,hat es mutmaßlich schon immer gegeben. Und gerade bei jungen Menschen, die moralisch noch nicht so gefestigt sind, fällt das noch unter die Rubrik: Grenzen austesten, sich ausprobieren. Ich fand es insofern ein ganz faszinierendes Thema, als hier ein altes Phänomen auf ein neues Medium trifft und dieses Medium, was Mobbing angeht, völlig neue Horizonte eröffnet. Plötzlich kann man andere in Bild und Ton fertigmachen und das Ganze wird auch noch archiviert und für alle und jederzeit verfügbar. Das heißt, das alte Phänomen bekommt eine neue Qualität und es wird im neuen Medium befeuert und beschleunigt.

Eine Internetplattform, die zum Tratschen über andere aufruft,wurde in Deutschland kürzlich indiziert. Gibt es wirksame Maßnahmen gegen Cyber-Bullying?

Es gibt Möglichkeiten der Strafverfolgung, aber es ist unglaublich schwer, sie anzuwenden – weil die Verbreitung via Internet so rasend schnell geschieht,und weil die Zurückverfolgung eher mühsam ist. Man muss dann Computer sicherstellen, IP-Adressen herausfinden, beim Provider die Klarnamen ermitteln. Und schlägt man dann einen Kopf ab,wachsen zehn neue nach. Es ist also grundsätzlich eher kompliziert,mit dem Finger auf irgendjemanden zu zeigen und zu sagen:Du bist der Verursacher.

Erwachsenen stehen der Welt der Digital Natives ahnungs- und ratlos gegenüber. Eine fatale Entwicklung?


Ich finde nicht,dass die Kommunikation zwischen Eltern und Kindern dadurch eine neue Qualität bekommt, dass Kinder jetzt im Internet surfen oder chatten. Vielmehr glaube ich, dass Kinder und Jugendliche schon immer relativ findig darin waren, ihre Parallelwelten zu erschaffen und zu erhalten. Natürlich ist es ein Problem, wenn Eltern gar keine Vorstellung davon haben,was ihre Kinder im Netz treiben. Aber das ist ein Übergangsphänomen, denn die Generation, die jetzt heranwächst und in absehbarer Zeit selbst zu Eltern wird, ist dann bestens vertraut mit diesem Medium. Und ich würde auch sagen, dass es unter Jugendlichen ein Bewusstsein gibt für die Gefahren, die mit dem Medium verbunden sind. Aber es überrollt einen dann doch vielleicht schneller, als man gedacht hat.

Sie gehören noch einer Generation an, die nicht mit dem Internet groß geworden ist.Wie und wo haben Sie für Ihr Buch recherchiert?

Mir wurden zu meinen Geschichten aus dem Freundes- und Bekanntenkreis zugetragen. Zum anderen habe ich Kinder in dem Alter. Die waren in alle Entwicklungsschritte des Buches involviert. Es ist also schon relativ dicht an der Lebenswelt von Jugendlichen entwickelt.Andererseits ist diese Zeit auch bei mir selbst noch nicht so weit weg, dass ich nicht auch Zugriff auf eigene Erfahrungen hätte,die übertragbar sind,auch wenn’s bei uns noch kein Internet gab.

Jakob erlebt eine der schlimmstmöglichen Formen der Bloßstellung – und findet weder bei Freunden noch in der Familie echten Schutz. Keine der klassischen Instanzen scheint etwas ausrichten zu können.Müssen wir radikal umdenken?


Mir war wichtig, dass in diesem Buch niemand vorgeführt wird. Jakobs Eltern funktionieren eigentlich selbst in der Trennung noch einigermaßen für den Sohn und geben sich Mühe, aber sie begreifen die Dimension dieses Problems nicht und dringen nicht weit genug vor, um die Verzweiflung des Jungen wirklich zu erkennen und zu sehen: Es ist jetzt eine Minute vor zwölf und wir dürfen ihn nicht mehr aus den Augen lassen. Das ist der fatale Fehler, den sie begehen.Aber ein Fehler, vor dem Eltern überhaupt nicht geschützt sind. Was weniger damit zu tun hat, dass ihre Mittel erschöpft wären oder sie mit Problemen konfrontiert sind, die nicht behandelbar wären. Es liegt vielmehr an der Lebenswelt, an dieser Eingespanntheit, dass in der Regel beide arbeiten. Es sind einfach zu viele Probleme da, die bewältigt werden müssen,und in dieser Hektik kaprizieren sich Eltern gerne auf Äußerlichkeiten: läuft es in der Schule, etc? Die emotionale, die psychische Entwicklung der Kinder zu begleiten, ihr seelisches Wohlergehen im Blick zu behalten, ist in der Pubertät extrem schwierig, aber eben auch eine wichtige Aufgabe, an der Jakobs Eltern scheitern.

Auch andere Erwachsene im Film versuchen, das Richtige zu tun, aber keinem will es gelingen. Darin liegt keine Kritik von Ihnen verborgen?


Nicht wirklich, die Hoffnung ist vielmehr, dass wir etwas erzählen, was vielen Eltern aus dem Herzen spricht, dass sie sich und die Konflikte, die sie
selber haben, wiedererkennen. In den 60er-Jahren wurde in Filmen vielleicht von Eltern erzählt, die ihre Kinder mit Strenge und Autorität verfehlt haben. Heute bemühen sich Eltern darum, Zwischentöne anzuschlagen und ihren Kindern auf Augenhöhe zu begegnen. Das ist auch nicht unproblematisch,weil es ja einen Konflikt gibt zwischen kindlichem Anlehnungsbedürfnis und dem Freiheitsdrang, bzw. dem Wunsch, wie ein Erwachsener behandelt zu werden. Wenn das Ganze ins Laissez-faire kippt, kann das schnell bedeuten, dass Kinder alleingelassen werden mit ihren Problemen. Es ist grundsätzlich sehr schwierig, da das richtige Maß zu finden, die Kinder alleine machen zu lassen,und sie dann aber auch wieder wie Kinder an die Hand zu nehmen. Das kann man kaum als Kritik formulieren, sondern eher als Aufgabe.

Der Mobber im Filmsagt, auf sein Verhalten angesprochen:„Es gibt Leute, die ziehen das an.“ Sehen Sie Jakob als typisches Opfer?

Nein, überhaupt nicht. Das ist nur eine weitere Provokation von Henry. Jakob ist durchaus integriert und auch lebensfroh. Es ist mir auch wichtig, an der Stelle keine Figur zu erzählen, die sowieso schon ein Außenseiter ist und die man eigentlich nur noch anschubsen muss, um ihr den Rest zu geben. Sicher würde nicht jeder den gleichen Weg gehen wie Jakob am Schluss, aber grundsätzlich sind junge Menschen zerbrechlicher und näher dran an den existenziellen Themen und Optionen: Leben oder Tod, Liebe oder Hass.

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