Propagandamaschine und Traumfabrik

Joseph Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, war bewusst, dass die Menschen von der täglichen Propaganda und Indoktrination Erholung brauchten, und dass „unpolitische“ Unterhaltung geeignet war, auf den „Volkskörper“ festigend zu wirken. Die Musik-, Operetten- und Revuefilme erlebten deshalb in den Dreißiger- und Vierzigerjahren einen ausgesprochenen Boom. Lilian Harvey und Willy Fritsch, Marika Rökk und Johannes Heesters, Hans Albers, Ilse Werner und Zarah Leander boten den Zuschauern Glanz und Glamour und ließen sie ihre in Trümmern fallende Welt für wenige Stunden vergessen. Am 8. Februar 1942, im dritten Kriegsjahr, notierte Goebbels in sein Tagebuch: „Auch die Unterhaltung ist heute staatspolitisch wichtig, wenn nicht kriegsentscheidend.“ Weltanschauung und Unterhaltung waren nun endgültig zu einer funktionalen Einheit verschmolzen.

Viele der UFA-Mitarbeiter in den Neubabelsberger Ateliers, die nicht zu den jubelnden Anhängern des Nationalsozialismus gehörten, wandten sich dem „unpolitischen“ Unterhaltungsfilm zu; er hatte bisweilen genrebedingte Spielräume, in welche die NS-Ideologie nicht unmittelbar Einlass fand. Reinhold Schünzels Amphitryon und Der Mann, der Sherlock Holmes war von Karl Hartl sind Beispiele für brillante Unterhaltung aus dieser Zeit. Amphitryon war gar eine wagemutige Persiflage auf das hohle Pathos der Nationalsozialisten mit Anspielungen auf Nazi-Größen. Einen lockeren Lebensstil und Müßiggang durfte das Traumpaar Lilian Harvey und Willy Fritsch in dem Musikfilm Glückskinder vorführen, und Stars wie Marika Rökk (u. a. Hallo Janine, Frau meiner Träume) und Zarah Leander (u. a. Zu neuen Ufern, Die große Liebe) wurde durchaus eine erotische Ausstrahlung zugestanden, auch wenn immer wieder allzu freizügige Szenen der Goebbel’schen Zensur zum Opfer fielen.

Die Kriegswende zog Veränderungen in der Filmproduktion nach sich: Betrug der Anteil der Komödien in allen Ufi-Produktionsfirmen, (aufgrund der Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten wurden 1942 Ufa und alle Konkurrenten Tobis, Terra, Bavaria Film sowie Wien-Film mit allen erbeuteten ausländischen Filmproduktionsfirmen zu einem einzigen Konzern, der Ufa-Film (Ufi), mit Sitz in Berlin zusammengelegt) 1943 noch 55 Prozent, sank er in den nächsten zwei Jahren auf 25 Prozent; dafür gewann der Anteil von Melodramen ein Übergewicht. Verzicht privaten Glücksanspruchs zugunsten der Pflicht gegenüber dem Vaterland war Thema dieses Genres in den letzten Kriegsjahren.

Noch bis in die letzten Kriegstage hinein produzierten die Ufa-Teams Filme, die unverdrossen an der Wirklichkeit vorbei die Fahrt ins Glück (Erich Engel) oder Einen tollen Tag (Oscar Fritz Schuh) versprachen – nicht ahnend, dass der Zusammenbruch des NS-Regimes zugleich der Untergang des Filmimperiums sein würde.

Bild: Hallo Janine (1939), Regie Carl Boese, Deutsche Kinemathek


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