Mord in Ludwigslust


Das beschauliche Ludwigslust im Morgengrauen. In der künstlich angelegten Ruine im Schlosspark liegt eine tote Frau Ende 30. Sie ist offensichtlich ermordet und in inszenierter Pose abgelegt worden. Die Mordkommission Ludwigslust nimmt die Ermittlungen auf. "Ausgerechnet Lulu" ist der Satz, den man am Tatort mehr als einmal hört. Als Sophia Eichstätt, Analytikerin beim LKA Kiel, von dem Mordfall in Ludwigslust erfährt, glaubt sie auf eine bisher ungeklärte Mordserie gestoßen zu sein.

In Ludwigslust trifft Sophia auf den Kollegen vom LKA Schwerin, der ihr zugeteilt wurde. Es ist ausgerechnet Mark Condor, der Mann, mit dem sie vor zwei Jahren eine Affäre hatte und für den sie beinahe ihre Ehe aufs Spiel setzte. Und auch Mark stockt der Atem. Die Ermordete ist seine Geliebte Lulu Schuster. Beide lassen sich wenig anmerken und ermitteln routiniert. Dabei stoßen sie auf eine Mauer des Schweigens. Jeder kannte die tote "Lulu", viele hätten ein Motiv, alle haben Angst. Doch noch weiß Sophia nicht genau wovor.

Im Laufe der Ermittlungen erfährt Sophia Dinge, die sie eigentlich gar nicht wissen wollte und gerät zwischen die Fronten. Schritt für Schritt nimmt der Mordfall immer größere Dimensionen an - es fällt schwer, Täter und Opfer zu benennen. Alles hängt miteinander zusammen, und auch die deutsch-deutsche Nachkriegsgeschichte wirft lange Schatten bis in die Gegenwart. Sophia muss sich eingestehen, dass ihre Mordserientheorie nicht aufzugehen scheint. Immer tiefer taucht sie in die Vergangenheit, in Marks Jugend und in das Geheimnis um Lulu ein. Auch die anderen Verdächtigen erhöhen den Druck auf die Kommissarin. Sophia gerät zwischen die Fronten. Sie muss sich entscheiden, auf welcher Seite sie steht. Gefährlich ist es in jedem Fall.


Die mehrfache Bedeutung von "Lulu"

Der Autor Thomas Kirchner über den Film

Einer der Arbeitstitel von "Mord in Ludwigslust" hieß "Ausgerechnet Lulu" und spiegelte gleich mehrere Aspekte des Films wieder. Zum einen heißt der Ort, in dem die Geschichte spielt, Ludwigslust und wird von den Einheimischen gerne als 'Lulu' abgekürzt. Zum anderen heißt das Opfer "Lulu", und dahinter verbirgt sich natürlich eine Anspielung auf Frank Wedekinds "Lulu oder Die Büchse der Pandora", die Männern und Frauen den Kopf verdreht, deren Innerstes nach außen kehrt und schließlich selbst Opfer eines Serienmörders wird. In unserem Fall einer eifersüchtigen Serienmörderin.

"Mord in Ludwigslust" ist eine Novelle, nur dass das "seltsame, unerhörte Ereignis" (Goethe), der Zufall, der Auslöser von allem, hier am Ende präsentiert, und dazu noch lakonisch von Ben Martin kommentiert wird: "Glauben Sie‘s oder glauben Sie‘s nicht." Das ist nicht Chuzpe oder Desinteresse, sondern der gewollt skurrilen, teilweise theatralen Erzählweise geschuldet.

Heute angesiedelt, hat die Geschichte ihr Fundament in einem selten beleuchteten Kapitel der Wiedervereinigung. Als die Treuhand ihre Tätigkeit aufnahm, schätzte sie das Volksvermögen der DDR auf 600 Milliarden D-Mark. Nach nur fünf Jahren waren daraus 275 Milliarden Schulden geworden und es gingen 2,5 Millionen Arbeitsplätze verloren. Was ist in diesen 5 Jahren passiert? Mit dem Geld, den Fabriken, den Menschen?

Für die einen war es die Liquidation einer ganzen Volkswirtschaft, somit von Konkurrenz und anderen dubiosen Interessen, und für andere sind die vielfach zitierten "blühenden Landschaften" entstanden. Nicht selten alles zugleich und miteinander verwoben. Hinzu kommen hier noch der Abzug der Russen und deren gelegentlich kolportierten illegalen Waffenverkäufe.

Gesellschaftliche Themen verkleiden sich im Fernsehen oft als Krimi, um Gehör zu finden. Das kann man bedauern oder begrüßen, jedenfalls baut der Krimi durch sein Sujet schon von vornherein einen Spannungsbogen, dem man gerne folgen kann. Dieser Aspekt des Films geht über das Ermittlerdrama hinaus, denn es spiegelt den sehr aktuell zu Tage tretenden "Fluch des Föderalismus" wider, indem Landespolizei- und Verfassungsschutzbehörden eifersüchtig aneinander vorbei operieren oder bestenfalls vor sich hin werkeln, ohne über den Tellerrand zu sehen. Die Analytikerin eines Landeskriminalamtes durchbricht diese Grenzen und vergleicht Morde, die auf den Gebieten verschiedener Bundesländer verübt wurden und kommt so einem Serienmord auf die Spur.

All diese Geschichten sind zwar fiktiv, wie auch Ludwigslust nur als Folie dient (auch wenn dort zu DDR-Zeiten russische Armeeeinheiten stationiert waren), basieren aber auf zeithistorisch-allgemeinen Wahrheiten. Und hoffentlich öffnet der Film einige Türen, um mehr zu erzählen von der Zeit, als dieses Land nach der Überwindung der Teilung wurde, was es heute ist. Und das liegt ja nun auch wieder im Auge des Betrachters.


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