Serienerfolge über einen Zeitraum von mehr als 10 Jahren sind sehr selten. Was macht Ihrer Meinung nach die "SOKO Leipzig" so erfolgreich?
Jörg Winger: Zuallererst ein gutes Team: Norbert Sauer hat mir damals die Chance gegeben, die Serie nach kurzer Anlaufzeit zu leiten und mir mit seinem Vertrauen enormen Rückenwind gegeben. Von Rainer Jahreis, dem Producer der ersten Staffel, habe ich viel lernen dürfen und Matthias Pfeifer, unser Redakteur, ist mit der Unterstützung von Klaus Bassiner ein großartiger, engagierter und kompetenter Redakteur. Gemeinsam mit Henriette Lippold, die im Laufe der Jahre dazugekommen ist, bilden wir ein eingespieltes Team, in dem keiner ein Blatt vor den Mund nimmt und jeder für seine Sache kämpft. Wir hatten von Anfang an grundsätzlich ähnliche kreative Vorstellungen, und waren immer sehr ambitioniert. Diese Grundhaltung zieht sich bis heute durch das gesamte Team, von den Autoren über die Schauspieler bis in die Crew.
Was für eine Vorstellung hatten Sie für die "SOKO Leipzig", als Sie dort anfingen?
Jörg Winger: Als ich 1999 erfuhr, dass Norbert Sauer mich nach Leipzig holt, habe ich mich zur Vorbereitung auf meinen Job viel mit den Producern der US-Krimiserie "Homicide" unterhalten. In diesen Gesprächen habe ich zum ersten Mal das kreative Potential von Serien wirklich verstanden. In den USA gilt ja - anders als in Deutschland - die Serie als Königsdisziplin. Ich war schwer beeindruckt, und wollte dann unbedingt das, was ich gelernt hatte, auf die "SOKO Leipzig" übertragen: polarisierende Themen in persönliche, emotionale Konflikte zu übersetzen, die sogenannten "Moments of Truth" so hochzuziehen, dass den Zuschauern auch mal die Tränen kommen und insgesamt schneller und komplexer zu erzählen. Das waren einige meiner Ziele, und wieder gilt: Ohne den "inneren Kreis" von Gleichgesinnten wäre das gescheitert.
Wie hat sich die Serie im Laufe der Jahre verändert?
Jörg Winger: Wir bewegen uns ja in einer langen Tradition der ZDF-Freitagabend-Krimis, mit denen wir aufgewachsen sind. Da gab's die Kommissare, die bei Tragödien zu Gast sein durften, und am Ende jemanden verhafteten. Die großen emotionalen Momente waren den Gästen vorbehalten. Das haben wir allmählich gedreht, heute achten wir verstärkt darauf, unsere Helden auf eine emotionale Achterbahnfahrt zu schicken, und die Gastrollen fungieren mehr als Katalysator dieser Reisen. Damit hoffen wir, die Zuschauerbindung zu erhöhen.
Wie haben sich die Charaktere der einzelnen Figuren innerhalb der Jahre verändert?
Jörg Winger: Ich glaube nicht, dass sich Menschen oder Serienfiguren im Charakter verändern. Es ist ein ständiger Kampf um die ewig gleichen Stärken und Schwächen, der auf immer neue Art ausgetragen wird. Insofern gibt es eine gewisse Kontinuität. Andererseits sind unsere Schauspieler mittlerweile in neuen Lebensphasen, alle haben zum Beispiel innerhalb der letzten 10 Jahre Kinder bekommen und sehen die Welt heute anders als damals. Unter uns: Manchmal kann ich zwischen den Figuren und den Schauspielern kaum noch unterscheiden. Wir nutzen das echte Leben des Öfteren für die Geschichten unserer Helden. Das mag zwar jetzt vielleicht etwas esoterisch klingen, aber dieses Echte überträgt sich auf den Bildschirm, das schlägt irgendwie durch.
Wie hat sich die Rolle von Leipzig in der Serie nach 10 Jahren geändert?
Jörg Winger: Wir sind nach wie vor glücklich, wenn wir echte lokale Themen für unsere Geschichten verwenden können. Andererseits ist es mir auch ein persönliches Anliegen, zu zeigen, dass es ein hermetisch abgeriegeltes "Lokales" eigentlich nicht mehr gibt. Wir hatten vor kurzem eine 12-köpfige chinesische Delegation in Trautzschkes Büro sitzen, um einer chinesischen Praktikantin diplomatisch beizustehen. So etwas liebe ich, weil es auf unterhaltsame Art klar macht, dass wir das Lokale vom Globalen kaum noch trennen können.
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Interview mit Produzent Jörg Winger